Gabriele Quinque
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Das Zwielicht im Licht


Alle Leiden unserer Seele kommen
von der Verirrung unserer Wünsche
und von unserer Hartnäckigkeit,
Lügen verwirklichen zu wollen.


Eliphas Lévi

 


Die Schar derer, die sich Spirituelle nennen, gestaltet sich sehr bunt. Für den Laien sieht diese Gruppierung aus wie ein Clan, der sich untereinander einig ist. Aber das Gesetz der Spaltung und Unterscheidung hört auch an den Pforten geistiger Entwicklung nicht plötzlich auf zu wirken. Demzufolge kann man auch innerhalb des esoterischen Reigens sehr schnell zu einem Außenseiter werden. Man achte einmal auf das süßsaure bis hilflose Lächeln eines Menschen, der seit Jahrzehnten mit der Kabbalah vertraut ist, wenn dieser erzählt bekommt, eine kalifornische New-Age-Größe habe ein neues Buch über die Heilung der Gefühle geschrieben. Es wird dem echten Pfadwanderer kaum vergönnt sein, seinem Gesprächspartner eine befriedigende Erklärung zu liefern, weshalb ihn diese Richtung völlig kalt lässt. Aber wo man auch hinschaut, eines haben ausnahmslos alle gemeinsam, von dem sensationslüsternen Erlebnis-Einsteiger bis zum stillen Mystiker: Sie reden ohne Unterlass von LICHT. Freilich meinen sie selten dasselbe. Dieses Wort, das im Deutschen in seiner Mitte noch das Wort ICH birgt und von herausfordernden hebräischen Buchstaben (Lamed = Stachelstock, Theth = Schlange/Lebensenergie) in die Mangel genommen wird, erscheint in den eigentümlichsten Zusammenhängen. Und obwohl natürlich jedes Lebewesen nach dem Licht strebt, weicht so mancher schüchtern aus, wenn ein Lichtarbeiter ihm eine allzu schwärmerische, amethystfarbene Lichtphilosophie unterbreiten möchte. Denn ganz nebenbei offenbart sich dann noch im direkten Umfeld oder im Körper jenes lichttrunkenen Menschen die zwingend dazugehörige Schattenmanifestation, die den unerfreulichen Auftrag hat, seiner einseitigen Weltanschauung mitleidlos wieder zum Heilsein zu verhelfen. Wenn sich ein Pfadwanderer dazu gar nicht oder nur spärlich äußert, so entspringt dies dem natürlichen Impuls, sein Gegenüber mit Liebe und Toleranz in seinem momentanen Weltbild zu belassen, da dieses freiwillig und nicht unter Zwang verlassen werden sollte.

 

Novizendummheiten im Namen des Lichtes

 

Auf der Suche nach obskuren Licht-Verkehrungen entdeckt man jene merkwürdigen Jenseitszirkel und deren Kanalarbeiterinnen, die an Gustav Meyrink's Zeiten erinnern. Wie damals melden sich auch vor allem die Größten der großen Wesenheiten. Doch allein die Nennung erhabener Namen wie El Morya oder Meister Kut-Humi bürgt nicht für die reale Anwesenheit besagter Lichtwesen, wagt sich doch hier die Einbildungskraft häufig über die Grenze des Machbaren hinaus. Eine weitere Herausforderung stellen Rund- und Kettenbriefe mit Weltuntergangsparolen dar, die sich in jeder zweiten Zeile mit dem schönen Wort Licht schmücken und doch leider nur nach Sumpf und Verwesung riechen. Wohl dem, der solche heuchelnden Lichtsimulanten sofort entlarvt, weil ihn das Licht einer schützenden Intuition längst persönlich unter die Fittiche genommen hat.

 

Wahres Licht ist Klarheit und Ausstrahlung

 

Viele Menschen, die das Wort Licht ständig auf der Zunge tragen und keine Gelegenheit auslassen, die dunklen Mächte für ihr eigenes Versagen verantwortlich zu machen, verfügen in Wirklichkeit sehr oft über eine sehr betrübliche, bisweilen verwirrte oder sogar unangenehme Ausstrahlung. Die eigene ungeliebte Dunkelheit wird auf andere projiziert, prallt dort ab und fliegt als Bumerang zum Absender zurück. Bestimmt haben solche Menschen das Licht nie selbst erfahren und reden bloß darüber, was dazu führt, dass sie, ohne dies zu wollen, Schatten über Schatten anhäufen, die sie dann bekämpfen müssen wie Don Quichote die Windmühlenflügel. Man richtet seine Aversion gegen Scheinfeinde, die aus der eigenen Einbildungskraft hervorgegangen sind, worauf die Schatten heranwachsen und ihr quälendes Werk bis zu jenem Tag verrichten, an dem die Betroffenen einsehen, dass Licht und Finsternis zwei Aspekte ein und derselben Sache sind. Dämon und Engel stellen die zwei Seiten einer einzigen Kraft dar. Erkennt man dies, hört das närrische Spiel auf, immer hell sein zu wollen und dunkle Schluchten zu meiden, weil sich keine Wertung bezüglich "hell"- oder "dunkel" mehr aufrecht erhalten lässt, sondern gesehen wird, das Eine bedingt das Andere. Es stellt nämlich ein schier unmögliches Unterfangen dar, dunkle Anteile vernichten zu wollen, anstatt sie zu erlösen, da nichts in der Welt verschwinden kann. Jede Negierung des Andersartigen schafft nur mehr Spannung, und alle diabolischen Urprinzipien fühlen sich wohl in ihrer Haut, will ein Mensch gut sein oder egofrei. Lehnt man Machtansprüche und andere Abgründe der Psyche ab, verleiht ihnen dies ein echtes Existenzgefühl, obwohl sie - wie alles in der Stoffeswelt - nur Spiegelbilder sind, Abdrücke des Bewusstseins, leblose Schatten.

 

Aber gerade die Integration des Ungeliebten ist ein Meilenstein auf dem Wege zur Vollkommenheit. Hat ein Mensch damit begonnen, bezichtigt er keinen Mitmenschen der dunklen Absicht, klagt also keinen Bösewicht im Außen mehr an, denn er weiß, all das, was ihm in der Welt nicht gefällt, ist die ergänzende zweite Hälfte von all dem, das ihm sehr gut gefällt. Dieses einfache Gesetz der Dualität wird so lange wirksam sein, wie die Schöpfung in irgendeiner Form besteht. Denn den Satz: Ich bin ganz Licht, in mir ist keine Finsternis kann der Mensch mit absoluter Berechtigung nicht eher aussprechen, bis er nicht mehr von irgendeiner Welt ist, also wieder mit der Einheit (= Gott) verschmilzt. Jedoch so lange, wie die Schöpfung in grob- oder feinstofflicher Form existiert, bildet die Finsternis den notwendigen Bodenträger des Lichtes.

 

Hat der Mensch Zugang zu seinen eigenen Dunkelkammern gefunden, vermag er auf diesem inneren Träger auch das göttliche Licht in sich selbst wahrzunehmen und mit der sukzessiven Verwandlung der Dunkelheit in Licht beginnen. Jene Transmutation liegt fernab aller Verdrängung und Verteufelung, denn sie meint nichts anderes, als ohne Ausnahme alles, was außen ist, in die Idee von "Ich bin" hereinzunehmen, also allmählich zu lernen, auch  zu den dunkelsten Aspekten des Lebens "Ich" zu sagen, die Welt gleichsam ganz aufzuessen. Erst mit dieser Bereitschaft vermag man das Wesen des Lichtes anzunehmen und wieder abzustrahlen. Anders gesagt, man verfügt über eine gute Ausstrahlung!

 

Licht ist numinoser Segen

 

Wird ein Mensch, der von Westen nach Osten, von Sonnenuntergang zum Sonnenaufgang schreitet, wirklich auch nur ein einziges Mal von einem inneren Lichtstrahl des Numinosen getroffen, dann wird er von diesem Strahl - und sei er noch so klein gewesen - natürlich statt Angst und Mutlosigkeit größere Kraft und Zuversicht erhalten. Jeder, der wirklich schon einmal eine Sekunde im überirdischen Licht badete, wird seinen Mitmenschen bestimmt nicht süßlich, verpolt oder abergläubisch verspannt erscheinen, sondern er wirkt eher heiter, unverfälscht, gesund und belastbar wie ein natürliches Flussbett, dessen Uferböschung stark genug ist, das reißende Wasser der Ich-Kräfte geduldig zu halten. Und der Fluss des Lebens wird zielgerichtet, langsam, mit feierlicher Gewissheit zu dem weiten Ozean des Höheren Selbst fließen.

 

Licht ist Weisheit

 

In einem erwachten Zustand gibt es plötzlich - oftmals ganz unverhofft - einen Augenblick, in dem die Flamme des eigenständigen Denkens an einem vom Selbstbewusstsein stärker als gewöhnlich getränkten Lebensfaden auflodert, und dieses Mehr an innerem Licht eröffnet einen wissenderen Blick und ermöglicht das gesicherte Voranschreiten auf den unwägbaren Pfaden geistigen Heranreifens. Ist diese innere Lichtquelle, die niemand mehr wirklich beschreiben kann, und die sich auch nicht so einfach weitergeben oder vernetzen lässt, einmal entzündet, wächst proportional dazu die Lust heran, den blinden Glauben und die Neugier hinter sich zu lassen und unaufhaltsam, vorbei an allen Schwierigkeiten, nach dem Licht der Weisheit und der Wahrheit zu suchen. Erst von diesem Moment an kann der Einzelne von der Hermetischen Philosophie oder der Heiligen Lehre sehr viel erwarten; sie ist so alt wie die Welt, und zu allen Zeiten hüllt sie ihren unvergänglichen Leib in verschiedene Gewänder ein. Niemals behauptet die verborgene Weisheit von sich selbst, geeignet zu sein, die vordergründigen Wünsche der Massen zu erfüllen. Im Gegenteil! Solche Machenschaften legen ihr nur manche ihrer peripheren Diebe in den Mund. Aber immer huscht sie - für Realisten und Atheisten kaum fassbar - durch die Tempel der Menschheit und hält im Schatten der Säulen eine brennende Kerze für jeden bereit, der sich von dem profanen Herdentrieb abgesondert hat und endlich religiöse Fragen nach dem wahren Sinn und Zweck seiner Existenz in den Äther der Erkenntnis ruft.

 

Mystisches Licht

 

Das Licht des Geistes entspringt keiner sichtbaren Lichtquelle, es lässt sich deshalb mit den Gehirnfunktionen nicht mehr erfassen. Was der Mystiker mit Licht bezeichnet, ist das göttliche Urlicht, die geistige Sonne, die ihre Strahlen bis in den Stoff hinuntersenkt. Erst ein bewusstes, zunächst theoretisches und danach praktisches Reflektieren dieser Urkraft bringt die menschliche Seele mit einem mystischen Licht in Kontakt. Also bedarf es des Gegangenseins eines sehr, sehr langen Weges, um von sich behaupten zu dürfen, langsam zu erahnen, was mystisches Licht sein könnte. Darum bilden alle äußerlichen Übungen, wie z.B. sich zum Schutz gegen unerwünschte Schwingungen in Licht zu hüllen oder visualisiertes Licht zu anderen Menschen zu schicken, stets nur einen stellvertretenden, vorläufigen Ersatz einer bis zum Kern des Seins vorgedrungenen Offenbarung des Lichtes. Wer einem anderen Licht schickt, sendet damit die Aufforderung, eine elementare und extrem verwandelnde Erkenntnis machen zu müssen. Da stellt sich die Frage, ob der Lichtbote sich selbst überhaupt schon so weit erhellen konnte, um solche Aufträge in kosmischer Prokura tatsächlich versenden zu dürfen. Es stellt sich nämlich das Problem, dass jeder nur den Horizont bei dem anderen wahrnehmen kann, den er für sich selbst bereits erreicht hat. Man kann das Licht durchaus schicken, doch muss man es dann auch aushalten,  wenn es heller wieder zurück kehrt und nun vehement für die Erkenntnisse im eigenen Kämmerlein sorgt. Und dies könnte wahrlich anstrengend werden!

 

Operiert man nur in seinen guten Wünschen und Phantasien mit Licht, ohne über wahre Einsicht zu verfügen, lebt man fast genauso unbewusst wie der rein materialistische Mensch, der das Licht der menschlichen Vernunft (= lumen naturale) zum alleinigen Ideal seines Lebens erkoren hat und darüber hinaus nichts mehr wahrnimmt. Jenes Licht hingegen, das der kosmischen Einheit entspringt (= lumen supranaturale) und von dem allein die Religionen sprechen, ist identisch mit höherer, nichtstofflicher Inspiration, die sich nicht mehr in astrale Gewänder kleiden muss. Denn aus den archetypischen Gefilden der Schöpfung strömt ein Segen, der im Selbst des Menschen als Kreativität erfahren wird. Es handelt sich hierbei um ein von allen Schlacken des menschlichen Dünkels befreites Prinzip. Weit über die physischen Grenzen hinaus gelangt deshalb ein Mensch, der sich still und stetig der Suche nach diesem Licht verschrieben hat. Er findet eines Tages das größere Licht in der konservativ-kultischen Anwendung kosmischer Gesetzmäßigkeiten, doch begleitet ihn auf Schritt und Tritt die innere Demut, die Gesetze jener Welt, in der er lebt, zu akzeptieren und seinen persönlichen Willen dem Willen des ganzen Universums unterzuordnen.

 

Licht ist das Gold im Schweigen

 

Das supranaturale Licht, das Geistlicht Gottes, bleibt für das Ich-Gebäude des Menschen von unfassbarer Natur, doch wohnt es eingesperrt im Fassbaren, wo es in dunklen Nischen, Krippen, Kokkons und versteckten Schatzkästchen auf seine Befreiung durch den seinerseits schon fast befreiten Menschen wartet.

 

Wer das wahre LICHT eines

Tages erschauen will,

muss sich ihm sehr langsam,

 sehr leise und

in würdiger Haltung nähern.

Darum lege man wie Horus sanft

den Zeigefinger auf den Mund,

wenn man jemanden zu laut

von LICHT sprechen hört.

 

Gabriele Quinque

 

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