Gabriele Quinque
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Ritueller Tod und Zweite Geburt

- Erhebungsriten in archaischen und modernen Kultformen

 

Wenn ich nur deshalb bin, weil ich lebe, so bin ich das unglücklichste aller Geschöpfe: diese wissen wenigstens nicht, dass mit dem Ende des Lebens für sie auch das Ende des Seins eintritt, ich aber weiß es und muss um sie trauern.

Dagegen: Wenn ich lebe, weil ich bin, und wenn ich weiß, dass mit dem Ende des Lebens für mich das wahre Sein beginnt, so bin ich das seligste aller Geschöpfe, denn jene wissen dies nicht, ich aber weiß es und lebe in der Freude.

Dimitri Mereschkowski

 

Der Gedanke, ein zweites Mal geboren zu werden, mag für einige Menschen eine recht absurde Idee sein. Bei genauerer Untersuchung stellt sich jedoch heraus, dass ein solcher Akt nicht nur in allen Kulturen vorkommt, sondern auch sinnvoll ist, denn die Wiedergeburtsriten ermöglichen eine bleibende Erhebung der Bewusstheit.

Mit Hilfe des symbolisch geschulten Blicks lassen sich Tod und Wiedergeburt in den Zeremonien vieler Völker erkennen. In primitiven Kulturen finden wir die Zweite Geburt in den Pubertätsriten, die auf recht grobe Art die verdichtete Erfahrung der Übergangsstadien aus dem Kindesalter in das Erwachsensein herbeiführen. In hochentwickelten Kulturen haben sich diese Techniken verfeinert und vergeistigt; sie gerieten jedoch in profanen Lebensbereichen in Vergessenheit und konnten sich nur in Mysterienschulen oder religiösen Praktiken halten. Wenn beispielsweise der angehende Priester ausgestreckt am Boden liegt und von dem Bischof laut bei seinem neuen klerikalen Namen gerufen und dann hochgehoben wird, so erkennen wir in dieser Handlung unschwer die Signatur der Wiedergeburtsriten. Zumal dieser Erweckung ein tagelanges Exerzitium vorausging, in dem der Priesteranwärter in Meditation versunken war. Der Mensch ›stirbt‹ lebendigen Leibes, um in ein neues Leben als Priester gerufen zu werden. Außerdem ist es kaum zu übersehen, dass die Mitra des Hohenpriesters, der im christlichen Terminus Bischof genannt wird, einer ägyptischen Pharaonenkrone ähnelt. Das Bischofskreuz auf der Brust erinnert an die gekreuzten Arme des wiedergeborenen Osiris, und der Krummstab demonstriert die Führungsmacht des geistlichen Hirten, wie dies in der Antike üblich war.

Gleichgültig ob die Symbolik verfeinert oder grob zutage tritt, die Struktur der Zweiten Geburt ist im Prinzip immer dieselbe. Der Tod des Kindlichen ermöglicht die Wiedergeburt des Erwachsenen, der Niedergang des unbewussten Menschen leitet die Erweckung des bewussten ein oder das profane Ich stirbt, damit das geheiligte Selbst leben kann. Auf welches Niveau ein Ritus auch gestellt wird, der anabiotische Mensch (Anabiose: Wiederbelebung) nimmt nach seiner Zweiten Geburt immer eine höhere Bewusstseinsebene ein, da er einen übernatürlichen Reifungsprozess vollzogen hat. Nach seinem freiwillig erlittenen Tod und erfolgter Wiedergeburt erlangt er nicht weniger als eine Identifikation mit der Ewigkeit. Das Überschauen der Unendlichkeit seiner Seele regt ihn an, sich voller Eigenverantwortung seinem Leben zu widmen und sich allen Herausforderungen mutig und selbstsicher zu stellen.

Das Mysterium beginnt immer mit dem Weggehen aus der häuslichen Geborgenheit. Beispielsweise soll sich der pubertierende Jüngling eines Naturvolkes in den Wald, in den Dschungel, in die Höhle oder auf eine einsame Insel zurückziehen. Dort verweilt er eine bestimmte Zeit, um in der Finsternis und Einsamkeit seines Aufenthaltsortes in die kosmische Nacht einzutauchen. Manchmal wird der Wiedergeburtsanwärter entkleidet und zum Zeichen seines Sterbens mit Blut oder roter Farbe beschmiert, ein anderes Mal streut man ihm Asche auf den Körper, als wäre dieser verbrannt. Mit all dieser Symbolik gibt er sein bisher gelebtes Leben auf, als wäre dies nur eine Scheinexistenz gewesen, und gleitet in den Zustand des Ungeborenen zurück. Um das ›Sterben‹ erfahrbar werden zu lassen, erträgt er körperliche Marterungen: Manchmal wird sein in Blätter eingewickelter Körper in Erdlöcher gelegt und für eine längere Zeitspanne zugeschüttet. Oder die älteren Einweihungsmeister verletzen einzelne Körperteile mit Dornen, spitzen Knochen oder Speeren und sorgen mit Hilfe von stark juckenden Pflanzensäften für körperliche Drangsale. Alle Variationen von Hautverletzungen stellen die persönliche Grenze des Individuums in Frage, und lassen den Erdschluchtbewohner den Zerstückelungsmythos der Schöpfung hautnah miterleiden. Es geht zunächst darum, Schmerz auszuhalten und am eigenen Leib zu erfahren, dass die Regenerationskräfte die Wunden wieder zu schließen vermögen. Dem Kandidaten wird auf diese Weise die Mitschuld an dem Verfall der Einheit in die weltliche Vielheit angelastet und der Auftrag erteilt, an dem Werk der Heilsmagie mitzuwirken. In den Initiationsriten wird der Mensch absichtlich in ein ›Reifungselend‹ gestürzt, um an ungewöhnlichen Schwierigkeiten charakterlich zu wachsen.

In der rationalistisch geprägten Hochkultur des 21. Jahrhunderts fehlen diese Riten für die Allgemeinheit. Dies hat zur Folge, dass viele Zeitgenossen nicht richtig erwachsen sind, sie werden nur älter, aber nicht zwingend auch reifer. Das kindliche Weltbild ist nicht gestorben und fordert ein Leben lang eine heile Welt, die es in der Erziehungsanstalt der Erdenamme nicht geben darf. Daraus ergeben sich viele Schwierigkeiten, die der Mensch heutzutage durchwandert. Der Einzelne hat nicht gelernt, seinen Anspruch auf elterliche Versorgung aufzugeben, was überstrapazierte soziale Weltbilder hervorruft. Aus dem Bedürfnis, diese Ammenfunktion bis in die Gefühlswelt zu verlängern, entstehen regelrechte Kuschel- und Geborgenheitstherapien, die sich mit tradierten Initiationsriten allerdings nicht vereinbaren lassen. Anstatt das Ideal der Freiheit auf dem gesunden Boden der eigenen Leistungsfähigkeit zu erstreben, führt man das Erdenkind durch >Wiegen, Halten und Nähren< in größere Abhängigkeit und Schwäche, als diese naturgemäß ohnehin schon bestehen. Im Ergebnis wird der Leistungsdruck, der im Bewusstsein hinwegtherapiert wurde, von außen umso härter an den Menschen herangetragen. Das nennt man ein Dilemma.

Doch zum Glück gibt es auch bei uns Orte, an denen die Zweite Geburt im Prinzip ähnlich erlebbar wird wie in archaischen Kulturen, wenngleich auch subtiler. Leider kommen nur wenige Menschen damit in Berührung, da diese Riten sich auf Orden und Geheimschulen abendländischer Mystik beschränken, die bei dem Gros der Bevölkerung auf Ablehnung stoßen. Der Grund hierfür liegt in einem erstarrten Materialismus, der dazu führt, aus Angst (Enge!) den roten Faden religiöser Weihen zu missachten. In den zeitgemäßen Einrichtungen, die zu rituellem Tod und Wiedergeburt führen, verlässt der Kandidat zwar nicht mehr vordergründig seine Heimat und seine persönlichen Bindungen, indem er sich vorübergehend in Wälder oder Höhlen begibt, dennoch muss er schon im Vorfeld inhaltlich neue Lebensziele angesteuert haben, um überhaupt Einlass in einer Mysterienschule zu begehren. Hat sich ihm die erste Pforte dort aufgetan, verbringt er gleichsam eine gewisse Zeit in der dunklen Kammer seiner Seele. Hier zeigt sich dann wieder die Ablösung von außen, die eine Voraussetzung für die erfolgreiche Metamorphose bildet. In einem solchen Gefüge erfährt der Kandidat eines Tages seinen symbolischen Tod mit nachfolgender Auferstehung. Manchmal wird er in einen Sarg gelegt, ein anderes Mal ruht er in einem Gewölbe, vielleicht verbringt er einige Zeit in einer Krypta, oder ihm werden wenigstens die Augen verbunden. Hin und wieder lässt er als Zeichen für sein Sterben auch Haare, wie ein Mönch, der für das äußere Leben stirbt, um für jenes im Kloster geboren zu werden.

Meistens ›stirbt‹ der Mysterienschüler freiwillig in einem feststehenden Ritus, manchmal wird er auch von anderen ›getötet‹. In anderen Fällen spielen auch hier kleine Hautverletzungen als vorbereitendes Symbol für verantwortliches Handeln eine zentrale Rolle. Der Ritterschlag, der das Ich des Menschen vernichtet und die Treue zum König bis in den Tod fordert, ist genauso ein Überbleibsel archaischer Initiationsriten wie der Wangenschmiss einer Studentenverbindung oder Brit Mila, die jüdische Beschneidung am achten Tag, die dem Knaben den Bund mit Gott sichert. Wir sehen: Die Wiedergeburtsriten der einzelnen Strömungen sind unterschiedlich. Bisweilen wird der Anwärter vollständig entkleidet, um in seiner Nacktheit zu begreifen, dass die Physis nicht mehr ist als ein abstreifbares Kleidungsstück. Oder man taucht ihn in den Uterus des Schöpfungswassers unter, um ihm in dieser Taufe das erneute Verweilen im Mutterleib zu verdeutlichen. Wasser gilt als Geburtsort des Lebendigen, deshalb gleitet der Täufling wieder in den großen Schöpfungsmythos zurück, in die persönliche Sintflut, um erneuert und durch die Ganzheit des Seins bereichert, auf einer höheren Bewusstseinsebene wiederzukehren. Das Anfeuchten der Stirn ist ein Relikt aus echten Taufriten, in denen der Untergetauchte fast ertrank und den Körper verließ. Auch im Christentum soll der Täufling als Heide sterben und in der christlichen Gemeinde wiedergeboren werden. Das Hebräische Wort „Epheta“ (öffne dich), das der katholische Priester in das Ohr des Täuflings flüstert, kündet noch von einer unerlässlichen Grenzöffnung der Ich-Kraft zugunsten eines Eintretens in heilige Gemeinschaft.

Wie sich auch im Einzelfall das symbolische Sterben vollzieht, und ob der Vorgang in seiner vollständigen Mysterientiefe von der Person des Eingeweihten jemals begriffen wird oder nicht, die Seele des Mysten erfährt eine Gleichsetzung mit der Gottheit, die sich dem Stoff opfert. Wie Osiris liegt der Mensch einige Zeit in seinem Sarkophag oder in der Cista mystica von Eleusis und wird dann daraus emporgehoben, um fernerhin als solares Prinzip im Namen des höchsten Schöpfergottes zu wirken. In einer abendländischen Tempelarbeit wird der Bruder nach seiner rituellen Erweckung als vollwertiges Mitglied, als starkes Glied in der Kette des Homer von den Mysterienbrüdern begrüßt und zu seinen künftigen Aufgaben innerhalb der Gemeinschaft berufen. Er hat sich über die Kleinheit der natürlichen Geburt erhoben und ist in einer rituellen Wiedergeburt zu neuem Erleben erkoren worden. Vieles wird sich für ihn ändern. Zum Beispiel verschwindet jetzt die Bedeutung der leiblichen Eltern zugunsten der Gewissheit göttlicher Abstammung. Der in dieser Weise erneuerte Mensch macht den Himmel zu seiner wirklichen Heimat, kehrt jedoch frohgemut in seine Alltagswelt zurück, erfüllt seine Pflichten in Familie und Beruf und geht parallel dazu einen initiatischen Weg, für den er sich verbindlich zeigt.

Darin zeigt sich die Sublimierung einer archaischen Struktur. Auch der hart geprüfte Pubertierende eines Naturvolkes in grauer Vorzeit kehrte nach seiner Zweiten Geburt in das Dorf zurück, wo er von den Stammesältesten erwartet wurde. Diese halfen ihm, seinen Platz in der Rangordnung der Gemeinschaft einzunehmen. Bei einigen Völkern trug die leibliche Mutter des Zweimalgeborenen Trauerkleider und beweinte den Tod ihres Sohnes, der für sie wahrhaftig gestorben sein musste, denn er verwandelte sich in einen selbstbewussten, erwachsenen Mann, und die Mutter verfügte weder über die Pflicht noch das Recht, weiterhin in sein Leben einzugreifen. Der Mann hatte in seiner Einweihung Mut und Stärke bewiesen und häufig auch seine sexuelle Potenz unter Beweis gestellt. Dafür stand ihm die Würdigung des Stammes zu.

Auch für Mädchen gab es entsprechende Riten, die sie in das archetypische Muster ihrer weiblichen Existenz einwiesen. Meistens wurden sie bei Eintritt der ersten Menstruation isoliert und mit ihren spezifischen Aufgaben in Haus und Hof vertraut gemacht. Manchmal mussten sie das Spinnen lernen, um sich selbst als große Weberinnen der Materie zu begreifen. Diese Symbolik verleiht der weiblichen Natur eine Entsprechung der astralen Spinne, die das Netz und das Muster im Auftrag des männlichen Geistes für die sichtbare Welt webt. An alle Frauen ergeht jedoch der Auftrag, eines Tages außer dem irdischen Netzwerk auch den roten Ariadnefaden zu spinnen, der zu einem hilfreichen Begleiter auf dem Heldenweg wird. Wir dürfen in der ersten weiblichen Phase an die Erdenmutter Eva denken, die das Weiberwerk durch den Biss in den Apfel vorantrieb. In der zweite Phase erhob sich Maria aus dem Schatten Evas. Maria webte vor ihrer Berufung zur Gottesgebärerin an einem Purpurvorhang für den Tempel und erlöste in dieser Symbolhandlung das lunare Prinzip des Weltenwebens. Denn ihr Werk diente dem Heiligtum und nicht mehr der Stofflichkeit. In einer großen Geste gab sie sinnbildlich den Apfel, dem Evas Biss einst die Ganzheit raubte, zurück an das Heil, an den solaren Heilsbringer. Damit trug Maria die Züge einer geläuterten Kultfrau und erfüllte das überlieferte Wandlungsmuster von der dunklen zur hellen Mutter: Ave Maria!

Das vielsagende Sinnbild, das die kultische Frau an einer Spindel anknüpft, zeigt sich sehr schön in dem Märchen von Dornröschen, das einen Wiedergeburtsritus in anschauliche Bilder einkleidet. Hier sollte eine Prinzessin davor bewahrt werden, als Kind zu sterben, also erwachsen, magisch und geistvoll zu werden. Eine dreizehnte Zauberin, die ärgerlich darüber war, zu dem Fest anlässlich der Geburt jener Prinzessin nicht eingeladen worden zu sein, sprach den Fluch aus, die Königstochter solle sich im Alter von fünfzehn Jahren an einer Spindel stechen und daran sterben. Glücklicherweise hatte die Zwölfte ihren Wunsch noch frei und verwandelte den Todesfluch in einen hundertjährigen Schlaf. Der König ließ die Spindeln überall im Land verbrennen. Aber Reifung und Entwicklung, die im Keim bereits angelegt sind, lassen sich durch keinerlei Vorsichtsmaßnahmen verhindern. Eine verkörperte Seele wird dauerhaft von keiner Macht der Welt abgehalten, diesen Pfad wiederzufinden. Gerade die biologischen Eltern stellen sich oftmals unbewusst gegen eine spirituelle Entwicklung, aber es geschieht dann genau so wie im Märchen: Im entscheidenden Moment sind die Eltern trotz aller Fürsorge nicht zu Hause. Das Schicksal nimmt seinen Lauf, und die Seele erblickt eines Tages jenen Lichtstrahl wieder, der sie ihrer wahren Heimat zuführt.

Gabriele Quinque

 

 

 

 

 

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