Gabriele Quinque
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Sexualmagie –
die Metaphysik des Sexus


Geschlecht ist in allem,
alles hat männliche und weibliche Prinzipien,
Geschlecht offenbart sich auf allen Ebenen.

 
Das 7. Prinzip der Hermetik

 

Mann! Frau! - sie gelten von Anfang an als die beiden tragenden Säulen der Schöpfung, und obwohl sie im paradiesischen Sinne Eins sind, erweisen sich ihre Aufgabenbereiche auf dem Erdenacker als verschieden voneinander. Wer sich dieses heiklen Themas annimmt, sollte sich der Gefahr, der er sich aussetzt, bewusst sein, und wissen, in welche Nische er vielleicht gestellt wird. Dessen bin auch ich mir bewusst, wenn ich die Mode der blassgrau getünchten Relativierungsbretter, die heute vor der toleranten Stirn spazieren getragen werden, nicht überall mitmache und auf geistigen Gebieten lieber die gute alte Eindeutigkeit aus der Mottenkiste hole. Doch um es gleich vorwegzunehmen und gravierenden Missverständnissen vorzubeugen: Mich stört es persönlich überhaupt nicht, wenn Papa Karl-Hugo, den Jüngsten auf dem Arm, Grießbrei kocht und bei Mama Lucie-Courage in der Chefetage anruft, weil das Geld, das sie hingelegt hat, für den Fernsehservice nicht reicht. Es ist für mich auch irrelevant, ob Frankfurt von einer souveränen Blondine bewegt wird oder von einem Nadelstreifenherrn im Apfelwein-Express. Wie sich heutzutage Geschlechtlichkeit im Alltag zeigt, in welchen Bereichen dadurch Problematisches erkennbar wird, soll hier nicht Gegenstand der Überlegung sein. Mir liegt es einzig und allein am Herzen, die „Metaphysik des Sexus“ (Buchtitel von J. Evola) auf der Ebene von Mysterienspielen, Ritualen und Initiationen in seiner magischen Wirksamkeit zu erhalten — dort herrscht diesbezüglich ein unbestreitbares ein Ordnungsgebot.

Die Grundeigenschaft des Fluidums von Mann und Frau

Wohlwollend herzlich konnte ich über folgende Situation lachen. Als wir vor etlichen Jahren in unser jetziges Haus einzogen, wurde noch vieles umgebaut, und ich kam mit den Worten die Treppe hoch: „Was macht denn Claudia Schiffer bei uns im Keller?“ Antwort: „Der Schöne ist einer von den Maurern!“ Donnerwetter, wahrlich schön kam der blutjunge Mann daher: Filigran gebaut, glitzerndes Kettchen am zarten Handgelenk, Milchhaut, nabellanges Goldhaar, hellblaue Augen, sanft geschwungene Rosentaulippen, das Charisma eines Engels, sehr feminin und dennoch von eindeutig männlicher Ausstrahlung. Denn spätestens bei dem tiefen Timbre seiner sonoren Stimme assoziierte ich ganz und gar: Mann.

Jetzt nehmen wir einmal an, dieser Märchenprinz wäre gewillt, auf einer Bühne als Darsteller oder in einem Ritual als Beamter zu fungieren, man würde trotz seiner femininen Schönheit nicht auf die Idee kommen, ihn als jugendliche Geliebte einzusetzen, auch nicht als Vestalin, nicht als Isispriesterin, nicht als verschleierte Sophia, nicht als Mondenfrau oder Aphrodite, nein, niemals! Als Höheres Selbst, als Amor, Androgyn oder Erzengel Raphael könnte ich ihn mir aber sehr gut vorstellen, wunderbar auch als Parzival im Purpurmantel, als Lohengrin, als Herold, als zelebrierender Meister des Ostens mit Lamen und Efodschärpe — also grundsätzlich als männliche Lichtgestalt, in Glanz und Glorie! Er gehört der Magie des feurigen Südens oder des luftigen Ostens an, aber ganz bestimmt wäre er in den Bereichen von Wasser und Erde fehl am Platz. Die Rollendramaturgie würde auch von dem Privatleben des Darstellers keineswegs beeinträchtigt werden können. Ob er nun Mamis harmloser Liebling, homosexuell oder Familienvater sei oder nach Feierabend strippte, es würde an der Rollenauswahl für seine Person nichts ändern. Das Verhalten, die Vita, der Lebensstil oder die Denkweise sind von sekundärer Bedeutung, wenn es um archetypisches und rituelles Arbeiten geht. Im Vordergrund steht das geschlechtsspezifische Fluidum als Grundeigenschaft, wie Evola dies mit folgenden Worten ausdrückte.

In dem Bereich der Ideen müssen wir also festhalten,
daß das Mannsein und das Frausein vor allem innere Realitäten sind,
und zwar so weit, daß das innere Geschlecht nicht mit dem Körperlichen
überein zu stimmen braucht. Es ist eine bekannte Tatsache,
dem Körper nach Mann zu sein, ohne es auch im Geiste
sein zu müssen (anima mulieris in corpore inclusa virili);
dasselbe gilt natürlich auch für die Frau. Das sind Fälle von Asymmetrie,
die von verschiedenen Faktoren abhängen können.
Dies beeinträchtigt aber nicht die Grundeigenschaft des Fluidums,
das ein Wesen besitzt, je nachdem ob es physisch Mann oder Frau ist. (...)
 
Julius Evola, Methaphysik des Sexus
 

Unter Fluidum versteht man jene subtile Wirkung, die von einem Geschlecht ausgeht. Ein Mann verströmt grundsätzlich ein anderes Fluidum als eine Frau. Im umgekehrten Fall zu dem obigen Beispiel könnte es sich um eine Frau handeln, deren Denken, Handeln und äußere Erscheinung sehr männlich wirkt, aber auch sie dürfte in einem Mysterienspiel nicht den Weg eines solaren Helden darstellen. Bevor man aus Männermangel eine Frau – und sei sie auch noch so durchtrainiert oder solar denkend – als Herakles, Parzival oder Siegfried auf die Bühne brächte, würden man das Projekt lieber ganz ausfallen lassen. Und ich glaube, verehrter Leser, sie nicken jetzt mit dem Kopf und würden nicht sagen: Probieren wir es aus und schauen wir mal, wie tapfer Luise sich in der Rolle des Theseus schlägt!

Etwas Ähnliches praktiziert jedoch die Protestantische Kirche, wenn am Altar eine Frau steht oder die Formulierung Feministische Theologie ihren Raum beansprucht. Im Sinne von Toleranz und Gleichberechtigung darf es so etwas natürlich geben, zeigt sich doch darin nur ein folgerichtiger Aspekt der gesamten Entweihung des Christentums, der in seiner Vergröberung sogar bis zum Kirchenladen in der Fußgängerzone führt. Nur muss man dann auch selbstkritisch genug sein und zugeben können, wie wenig dies noch mit der Absicht solarer Religion zu tun hat, wie wenig „Siegreiche Sonne“ man der Gemeinde noch zu schenken vermag. Wer nicht allzu gern moralisierende Vorträge hört oder ein bisschen Lust auf Feierlichkeit und gemeinsames Singen verspürt, sieht keine Veranlassung, eine Kirche zu besuchen, in der die ureigensten Symbole nicht mehr stimmen. Das magische Fluidum ist verkehrt; so etwas stört den Frieden der Seele! Hier fehlt es an der Ausströmung eines geweihten Priesters, der seine Potenz gleichsam dem Ritus zum Geschenk macht und auf diese Weise die Seelen an den Kelch lockt wie die Bienen zum Nektar. Doch halt! Diese Worte führen uns bereits in die Nähe sexualmagischer Geheimnisse, aber es liegt mir am Herzen, lieber etwas langsamer dorthin zu gelangen!

Polarität bedingt den Solaren Auftrag der Erlösungsreligionen

Unser sichtbares Universum verfügt über ein duales Ordnungsprinzip: Tag und Nacht, Weiß und Schwarz, Sonne und Mond, Mann und Frau, Jachin und Boas, Wachen und Schlafen. Nehmen wir wahlweise eine der genannten Zweiergruppen heraus, erkennen wir sehr schnell, dass hier scheinbar eine gewisse Dehnbarkeit existiert, vermag man doch bisweilen den Tag zur Nacht zu machen und umgekehrt. Nun könnte man behaupten, darin läge eine Sowohl-als-auch-Thematik, die uns beweise, durchaus in der Grauzone leben zu können. Aber ist es wirklich so, das heißt auch dann noch, wenn man in größeren Zeit- und Raum-Dimensionen denkt? Halten sich nach dem Gesetz des Ausgleichs die Pole nicht letztlich immer die Waage – freiwillig eingelöst oder unfreiwillig aus dem Schicksal verabreicht?! Das Maß des Schwunges nach rechts bedingt das Maß des Schwunges nach links, deshalb stellt sich der aufgeräumte Kosmos beispielsweise in einem Yin-Yang-Zeichen oder dem gleichschenkligen Kreuz dar, und dort sind Schwarz und Weiß, bzw. Weibliches und Männliches zu exakt gleichen Teilen vorhanden. Auch im mundanen Tierkreis oder im kabbalistischen Lebensbaum besteht ein absolutes Gleichgewicht zwischen männlichen und weiblichen Kräften. In den Denkmodellen des Numinosen herrscht die heute viel zitierte Gleichberechtigung seit eh und je.

Der männliche Archetyp gilt schon immer als kraftvoll verströmend, abstrahlend, agierend und aufbauend. Antagonistisch dazu beschreibt man das Weibliche hingebungsvoll, aufnehmend, bergend, reagierend und zerstörend. Da dies im Allgemeinen so klar nicht voneinander getrennt, geschweige denn gelebt wird, und es nachweislich nur Mischformen gibt, könnte man die Lehre der Urprinzipien auch gleich über Bord werfen, stimmen sie doch zweifellos nicht mit der Alltagsrealität überein. Ja, man blickt mit Recht stolz auf die Überwindung der viel zu simplen archaischen Formel „er Jäger, sie Köchin“ und freut sich an den ganzheitlichen Möglichkeiten, die sich Mann und Frau in unserem Kulturkreis eröffnen. Für das Alltagsleben zwischen Büro und Freizeit mag das alles recht praktikabel sein. Sicher ist es von dem soziologischen Standpunkt aus sogar gerechtfertigt, mit den eigenen guten Erfahrungen missionarisch in fremde Kulturkreise einzudringen, um dort die Verhältnisse in unserem Sinne zu verbessern. Die Frage stellt sich freilich, ob unser Sinn denn wirklich dem besten Stern folgt.

Verlassen wir jedoch die zwischenmenschliche Ebene, dann bedarf es im Thema der Geschlechtlichkeit eines trennenden Schwertstreiches. Das Spiel der dualen Welt muss vor Kirchenportalen und Tempelpforten zurückbleiben, denn mit einem initiatischen Anspruch gebührt es sich, die Dinge an den richtigen Platz zu rücken. Petrus-Religion und Johannes-Mystik betrachten sich beide selbst als erlösende Instanz und verstehen sich zutiefst als Restaurateure der Urprinzipien. Beide Zeugen Christi sind sich einig, sie wissen um ihre heilige Mission, die darin besteht, eine archetypisch geordnete Menschheit in den Himmel zu bringen, und kommen diesem Auftrag mit unterschiedlichen Werkzeugen nach. Petrus arbeitet mit seiner Kirche mehr für das Volk als Ganzes. Johannes setzt sich mit seinen Büchern und Initiationsriten machtvoll für den einzelnen ein. Im Endeffekt sind sich beide Strömungen einig, jede hält den Keim der anderen in sich verborgen. Kurz und bündig stellt sich das religiöse Heimholungswerk in den sieben Regeln der Templer dar, deren Orden sich von 1118 - 1307 der nach Wahrheit dürstenden Menschheit in gnostischer Weise annahm. Diese Templerthesen wurzeln sinngemäß in allen Sonnenreligionen.

Die Sieben Ordensziele der Tempelritter:

1. Die exakte Auffassung von Autorität und Kraft
in der Welt wieder herstellen

2. Den Vorrang des Geistigen vor dem Vergänglichen betonen

3. Dem Menschen das Bewusstsein seiner Würde wiedergeben

4. Der Menschheit in der Schwere des Schicksalsweges zur Seite stehen
und auf die Kraft des Geistes verweisen

5. An der Wandlung der Erde auf allen drei Ebenen
im Verborgenen mitwirken

6. Insgeheim für die Gemeinschaft aller Kirchen arbeiten

7. Die ruhmreiche Rückkehr des Christusbewusstseins
im Sonnenglanz wieder herstellen.

Ganz besonders auf die ersten beiden Punkte sollten wir in Bezug auf das Thema der Polarität unsere Aufmerksamkeit richten. Die exakte Auffassung von Autorität wieder herzustellen sowie den Vorrang des Geistigen vor dem Vergänglichen zu betonen, bedeutet dem männlichen Schöpfungsprinzip auf den Thron zurückzuverhelfen. Offenbar besteht hier ein Erfordernis, und es darf die Frage gestellt werden, warum das Geistige nicht mehr den Vorrang besitzt und weshalb es an Autorität eingebüßt hat? Die Antwort liegt begründet in der Materie und ihrem Charakter, hat sie doch die Eigenschaft, das göttliche Walten zu negieren, das Geistige zu unterdrücken, es zuzuschütten mit Stoff, es zu bekämpfen, um selbst den Sieg davonzutragen. Die materielle Kraft vergisst allzu gerne ihr eigenes Erschaffensein und glaubt felsenfest daran, selbst Ursache statt Ergebnis zu sein. Menschen mit einer starken Bindung an das Materielle übernehmen diese Untugend und überlagern, unterdrücken ihre Seele mit Stofflichkeit, weshalb der überpersönliche Geist sie kaum noch umweht. Bis sie eines Tages an der daraus resultierenden Wunde der Begeisterungslosigkeit erkranken, sich wahrhaft niedergeschlagen fühlen und nach der Diagnose Depression auf die Suche nach Erlösung gehen. An diesem Wendepunkt werden sich dann von den Suchenden Kirchen oder Initiatenorden finden lassen. Dort werden uralte und unabänderliche Hierophanien in ansprechender Form bereitgehalten und stufenweise offenbart. Proportional zu dem Gewahrwerden des Sakralen erfahren die materiellen Kräfte eine gewisse Entmachtung, da das Heilige auf seinen angestammten Platz im Herzen des Menschen zurückkehrt. Wenn Gott dann wieder der Omnipotente sein darf und in Ihm die eigentliche Heimat gefunden wird, hat sich die dritte Bemühung der Templer erfüllt: Dem Menschen ist das Bewusstsein seiner Würde wiedergegeben, er richtet sich innerlich auf und sieht Sinn und Ziel des Lebens in einer höheren Dimension. Mehr und mehr vermag der Mensch dann auf die Kraft des Geistes zu vertrauen (4.) und leidet dadurch weniger unter der Schwere des Schicksalsweges. Auf diese Weise verwandelt sich die Seelensubstanz der Menschheit allmählich auf drei Ebenen im Verborgenen (5.), die Gemeinschaft aller Konfessionen wird Gewissheit (6.), und die ruhmreiche Rückkehr des Christusbewusstseins im Sonnenglanz ist wieder hergestellt (7.).

Wer gerne in den Hallen der Einweihung verweilt, wird erleben, wie in seiner eigenen Brust die Gewissheit heranwächst, dass der aktive Pol den passiven aus sich herausstellt und auf ihn einwirkt. Die einzige Ursache allen Seins liegt dann im Positiven, im Erzeugenden begründet. Darunter verstehen wir, kosmisch wie irdisch, das Männliche, das abstrahlende und nicht das weibliche, das aufnehmende Prinzip. Aus dieser Erkenntnis heraus entstehen monotheistische Gottvater-Religionen, in denen an oberster Stelle eine männliche Gottheit thront. Die Göttin existiert lediglich als Ausströmung, als Reflex dieser Gottheit.

Die Frau als Priesterin: Symbol für Tod, Verwandlung, Wiedergeburt

Archaische Kulte, in denen eine Göttin als die große Lebensspenderin verehrt wird, stellen lunare Fruchtbarkeitskulte dar und streben nach diesseitiger Mehrung, Gedeihen der Ernte, physischer Gesundheit und Ähnlichem.

Die Sumerer verehrten die Liebesgöttin Inanna, die einen großen Kult anführte und deshalb häufig Erwähnung findet, wenn es um weibliche Priesterschaft geht. Schauen wir tiefer in diese Symbolik, dann erkennen wir bald, dass Inanna sich für eine feministische Idee genauso wenig anführen lässt wie die mythologischen Figuren Isis, Sophia oder Maria. Denn Inanna stieg in die Gruft des Todes hinab, um mit Hilfe ihrer Schwester Ereschkigal, die in der Unterwelt herrscht, die Unsterblichkeit für einen Sterblichen zu erwirken. Inanna schaffte es zwar aus eigener Kraft, unter Einsatz ihrer Opferbereitschaft in dem chthonischen Reich des Todes anzukommen. Aber dann geschah das Entscheidende: Die Liebesgöttin stieß deutlich an die ihr gegebene Grenze, sie erreichte ihr Ziel nicht und fiel dem Tod anheim. In ihrem Totsein bedurfte es des Wohlwollens männlicher Gottheiten, um wieder leben zu dürfen. Zunächst trat ein androgyner Vermittlergott als Psychopompos ein, dann schickte ein männlicher Gott zwei Engel zu Inanna hinab, ließ einmal die Feuerstrahlen des Himmels aus deren Augen auf den Leichnam richten und je sechzigmal die Speise und das Wasser des Lebens darüber ausschütten. Das Licht schien in der Finsternis! Allein davon erstand Inanna auf und befreite mit ihrem Aufstieg noch etliche Wesen aus der Unterwelt.

Wir sollten in jeder Ritualisierung dieses Inanna-Abstiegs, in der Symbolik von Tod und Wiedergeburt, die Kernthematik weiblicher Spiritualität erkennen, die in der Führung durch die Unterwelt liegt. Die Frau verkörpert als Symbol immer die gespaltene Zwei. Durch die menstruale Abhängigkeit von dem Mondzyklus galt die Frau in vergangenen Kulturen als verwundet, also zerrissen und unheil. Dass sie früher in Indien während der Menses noch nicht einmal kochen durfte, mag übertrieben sein, aber auf feinstofflichen Ebenen drückt sich dieses Blutverlieren (Leben- und Geistverlieren) nun einmal als fluidales Muster aus. Vulva und Scheide der Frau entsprechen unleugbar dem aufnehmenden Kelch und tragen damit die Signatur von Binah, der obersten weiblichen Sphäre des Lebensbaums. Für die Frau als Repräsentantin der Zahl Zwei ergeben sich symbolisch die Begriffe Mond, Zweiheit, Spaltung, Finsternis, Seele, Welt, Wasser, Erde, Tod, Abstieg und Wiedergeburt. Diese Qualitäten trägt das Fluidum der Frau weit über die Grenzen des Sichtbaren hinaus, und darin liegt ein wichtiges Phänomen, das sich die Sexualmagie zunutze macht.

Der Mann als Priester: Symbol für Ewiges Leben, Erhebung, Illumination

Beabsichtigt man nun in der Liturgie die Faktoren Sonne, Einheit, Göttlichkeit, Licht, Geist, Kosmos, Feuer, Luft, Leben, Erhebung und Erleuchtung in ein menschliches Symbol zu kleiden, bietet sich das Fluidum des Mannes an. Er trägt von Natur aus den Phallus als aufgerichteten Stab und verfügt durch die Zeugungskraft über die Symbolik der erschaffenden Eigenschaft. Das Fluidum des Mannes findet ebenso Anwendung in der Sexualmagie. Im Gegensatz zur Frau, die in die Gruft der Transmutation hinabführt, führt der Mann die Treppen hinauf, und er entspricht als Symbol der Zahl Eins. Einheit steht über der Polarität, gilt als deren Ursprung. Einheit befindet sich jenseits der Polarität und ist ihr erklärtes Gegenteil. Darum ist es letztlich falsch zu sagen, in der Einheit sei Männliches und Weibliches vorhanden; wäre dies so, handelte es sich nicht mehr um eine Einheit. Haarspalterisch fortzufahren und zu behaupten, die Dualität müsse latent in der Einheit vorhanden sein, sonst könnte sie sich in der manifesten Schöpfung nicht entfalten, mag zwar als Hypothese richtig und philosophisch recht brauchbar sein, gehört aber zu einer Vorstellung innerhalb der polaren Welt und trifft auf den Sinngehalt des Wortes Einheit allein deshalb schon nicht mehr zu. Unter Einheit versteht man das ganz Andere, so wie man Gott als das vollkommen Jenseitige, das Unsagbare definiert.

Mann und Weib und
Weib und Mann
reichen an die Gottheit an.

Schikaneder/Mozart

Blenden wir mit diesen Gedanken in ein magisches Ritual hinein, wo man unter Zuhilfenahme von Mitteln aus der dualen Welt Schöpfungsgeschehen abbildet, Bewusstseins-Erhebungen anbietet und sich damit langfristig Erlösung von der Polarität erhofft. Vereinfacht ausgedrückt zeigt man im abendländischen Ritual durch Arbeit und Verehrung auf, wie jenseitiger Kosmos und diesseitige Welt miteinander in Verbindung stehen, indem man das Geschehen in vier Himmelsrichtungen setzt, die den vier paradiesischen Flüssen, den vier kabbalistischen Welten sowie den vier Elementen entsprechen und von dieser Ordnung aus Anrufungen durchführt. Der Einheitsbegriff, den die männliche Priesterfunktion im Osten darstellen soll, liegt jenseits einer männlich-weiblichen Polarität, darum fließt das lange Gewand über seinen Körper und drängt das typisch Männliche zurück. Im Ergebnis gleicht er damit dem Hermaphroditen auf der magischen Sphäre Hod im kabbalistischen Lebensbaum, wo die Zeugungsenergie nicht auf Irdisches gelenkt wird, sondern sich für das geistige Streben in Kraft setzt und metaphysisch zeugt, gleichsam überzeugt.

An dieser Stelle sollten wir einsehen: Aufgrund ihrer weiblichen Gegebenheiten wird die Frau sowohl im Osten als auch im Süden zum todbringenden Symbol für das Fluidum des gesamten Rituals, da sie ebendiese hermaphroditische Tugend nicht zu vollbringen vermag. Ihr Fluidum ist gespalten, saugend, aufnehmend, d.h. ohnehin schon Minus und nicht Plus. Mit dem Anlegen der Robe gelangt noch ein Minus hinzu. Im umgekehrten Fall bedarf es dringend des weiblichen Fluidums im Westen und Norden des Tempels. Denn nach dem Tod der irdischen Identifikation erfolgt die Wiedergeburt als himmlische Identifikation aus dem Uterus der sogenannten Frau Welt. Indem die westliche, durch Demut (=Wasser) geläuterte Priesterin mit erhobenen Armen und geneigtem Kopf Fleh- und Bittgesänge anstimmt, hält sie das sexualmagische Gleichgewicht zu den eher gebieterischen Forderungen des östlichen Priesters (=Luft). Dem liegt eine ganz einfache Regel zugrunde: Würde die Frau gebieterisch im Osten agieren, müsste der Mann die flehende Position einnehmen, um den Ausgleich herbeizuführen; nur leider würde dann das Fluidum nicht mit der Handlung übereinstimmen.

Anima und Animus und deren Chiasmus

Als Analogie ließe sich ein traditionell gekleidetes Hochzeitspaar oder der klassische Turniertanz anführen. In beiden Fällen trägt die eigentlich dunkle Mondenfrau seine Sonne, d.h. sein Licht, als Kleid, wohingegen der Mann die Schwärze des weiblichen Prinzips auf sich nimmt. Darin sind archetypische Symbole von Gegensatzvereinigung erkennbar: Der eine trägt des anderen Last! Was auf der profanen Ebene sich nicht mehr überall aufrecht erhält, sozusagen unmodern wurde, bewahrt, hegt und pflegt die kleine Arche Noah der Rituale, damit die Seele einen Ort findet, an dem sie durch das Rettungsboot der geistigen Ordnung die Flutkatastrophen lunarer Einbrüche im Alltag übersteht. Eine ähnliche Wechselwirkung, wie sie oben beschrieben ist, vollzieht sich auf der Nord-Süd-Achse in einem mystischen Ritual. Das reichliche Ernten am Erkenntnisbaum im lichtvollen Süden (Feuer) zeigt sich kompensatorisch als Leid im dunklen Norden (Erde). Darin liegt ein Gesetz, das man allerorten gut beobachten kann, dessen Ausformulierung uns jedoch von unserem Thema wegführen würde. Nur so viel: Eben gerade für diesen Effekt, sich sehr weit in die Wissensbereiche vorgewagt zu haben und proportional zu der Macht, die dadurch erlangt wird, das Leid in sein Umfeld zu ziehen, gibt es ja magische Rituale. Eine regelmäßige Teilnahme an ihnen beugt einem Ungleichgewicht zwischen Macht und Ohnmacht vor, darin liegt eines der Geheimnisse. Aufgrund der Verbindung Süd-Nord (Feuer-Erde) geraten Licht und Schatten in gegenseitige Ergänzung. Aus großem Wissen entsteht auf diese Weise heilige, getragene Weisheit, die von selbst das Ausmaß der Macht zu erkennen vermag und erfasst, wie viel Demut zu ihrer Kompensation vonnöten ist. Die vibrierenden Fluida auf den Achsen streben einen ausgewogenen Idealzustand an, und man bemüht sich, alle Vorzeichen und Symbolhandlungen möglichst genau anzupassen an die unsichtbare Hierarchie, die sich zwischen Mensch und Gott erstreckt. Gelingt dies in ausreichendem Maße, kommt es im günstigsten Fall zu einer subtilen Kommunion, einer Assumption, einer Abstimmung, mit unsichtbaren Heerscharen und Kosmischen Meistern. Was bereits unten miteinander in Harmonie geraten ist, vollbringt das Wunder eines In-Harmonie-Kommens mit dem Großen Oben. Und diesen doppelseitigen Erfüllungsakt benennt man mit dem Wort Sexualmagie. Es muss sicher nicht extra betont werden, dass dies mit Sexualität im körperlichen Sinne nichts zu tun hat, aber dennoch eine Art Zeugungsakt darstellt. Hier werden die Ausdrucksmittel der Sprache zu schwach, um exakt beschreiben zu können, was in Wirklichkeit auf transzendenten Ebenen geschieht, weswegen diesbezüglich oftmals das Synonym einer jungfräulichen Geburt und des Heranwachsens eines Bewusstseinskindes gewählt wird. Denken wir dabei an Horus, Krishna, Brimos, usw., die sinnbildlich in der weiblichen Tiefengrotte jenes Berges empfangen wurden, bis zu dessen Gipfel der zeugende Geist Gottes herabzukommen vermochte. Das solare Licht Gottes scheint auch hier in der Finsternis! Das Weibliche, das synonym für den irdischen Bewusstseinsanteil steht, wird in seinem Wohnort, in der Tiefengrotte der irdischen Welt, solar bestrahlt, wie der Mond von der Sonne oder Maria von dem Heiligen Geist. Die Muttergottheit, also Maria die geläuterte Materie, empfängt den Sohn, dem die Kraft gegeben ist, die Seele aus der Knechtschaft des Stoffes zu befreien. Sie gebiert keine Tochter, da das weibliche Prinzip in seiner Spaltungsqualität die Erlöserfunktion nicht beinhaltet. Die rituelle Abbildung einer solchen inwendigen Wiedergeburt des Geistes nennt man Sexualmagie.

Gemäß der Schöpfungsprinzipien entspricht der Osten eines Tempels oder einer Kirche dem Ursprung des Lichtes und der Süden dem Gipfel des Berges. Empfängnis und Geburt des göttlichen Kindes müssen demzufolge im Westen und Norden stattfinden. Steht aber eine Frau im Osten, müsste theoretisch ein Mann als das empfangende Prinzip im Westen ansässig sein. Befindet sich dort wiederum eine Frau, stellt sich das sexualmagische Unternehmen vollends in Frage.

An diesem Punkt führen viele gerne das Argument an, dass die Frau ihren Animus in sich trüge, der Mann die Anima, beide also wahlweise mit ihren inneren oder äußeren Geschlechtern hantieren könnten. Das stimmt sicher als Fixe Idee und lässt sich intellektuell hitzig durchdiskutieren, ist aber im initiatischen Sinne aus vielen Gründen unhaltbar. Beispielsweise kann es das Ideal des „Tanzenden Androgyns“ niemals im Grobstofflichen geben, dort wäre es die Anomalie des Zwitters, die jedoch mit dem erhabenen Mysterium des Hieros Gamos der 21. Tarotsäule gar nichts gemeinsam hat. Und der Hermaphrodit stellt ohnehin ein magisches Kunstprodukt dar, wie wir oben bereits gesehen haben. Kehren wir zurück zu dem Begriff des Fluidums, so ist es sicher gerade dieses, welches emporsteigt und die kosmischen Kräfte und das Egregore berühren soll. Nachweislich fliegt ja keine Person hinauf, im Gegenteil: Man muss hoffen, dass die Füße der Ritualdiener trotz aller Feierlichkeit fest auf dem Boden stehen, jeder übertriebene Höhenflug kann dem Ergebnis im Ganzen sehr abträglich sein. (Schließlich sollte man nicht vergessen: die geflügelten Engel wohnen oben; unten bleiben die Ritualdiener Menschen, je geerdeter, um so besser!) Die Fluida der anwesenden Ritualpersonen geraten in Abstimmung untereinander, verknüpfen das Unten mit Hilfe der sakralen Handlung und steigen als überpersönlicher, rein qualitativer Verbund auf dem Gewölk heiliger Worte empor.

Auch wenn es für manchen schmerzlich sein sollte, aber die untere Person erfährt von den oberen Kräften keinerlei Beachtung, deshalb sagen himmlische Scharen auch ganz sicher nicht: „Ach, schau’ her, das macht Herr Himmelsmeier heute sehr gut, da schicken wir ihm doch gleich ein Extralob herab! Aber Frau Müller-Seligendorf sieht ein wenig blass aus, wir sollten sie aufbauen!“ Derart kindlich direkt und funktional darf man sich rituelle Hintergründe einfach nicht vorstellen. Es geht eher darum, dass die gemeinsame Fluidalkraft aller Beteiligten zu einem Höchstmaß an Vollendung findet, und deshalb darf Wert darauf gelegt werden, dass sie in den Grundeigenschaften so stimmig wie möglich sind.

Die Aufgabe der rituellen Magie besteht hauptsächlich in einem jenseitig wirksamen Werk und hat nicht die Aufgabe, ein paar tröstende Worte für den schweren Diesseitsweg zu spenden oder sonstige liebe nette Dinge zuwege zu bringen, bei denen man sich abgeholt, aufgefangen oder geborgen fühlen könnte. Für solche Belange gibt es genügend Welness-lnstitutionen auf Erden, die sehr gute Arbeit leisten.

Abschließend sei noch in aller Zartheit ein Geheimnis angedeutet, das wie so vieles mit Worten nicht ganz erfasst werden kann, aber vielleicht ahnt der Einzelne eine außergewöhnliche Dimension in der folgenden Hypothese. In theoretischer Idealvorstellung könnte es geschehen, dass der Mann im Osten des Tempels ein Viertel Weiblichkeit in sich verbirgt, das sich mit Dreiviertel Weiblichkeit der Frau im Westen vereint; das Ergebnis wäre die vollkommene Frau auf der fluidalen Ebene. Ebenso wäre es denkbar, dass die Frau im Westen ein Viertel Männlichkeit in sich verbirgt, das sich mit Dreiviertel Männlichkeit des Mannes im Osten vereint; das Ergebnis wäre der vollkommene Mann auf der fluidalen Ebene. Würde dieser Idealfall sowohl auf der Ost-Westachse als auch auf der Süd-Nord-Achse eintreffen, wären Himmel und Erde in Harmonie gebracht. Und Harmonie gilt als die abendländische Bezeichnung von Tao oder Nirwana und als Synonym der Agape. Demgemäß bedarf Harmonie der reinen, selbstlosen Form der Hohen Magie. Das Arkanum der Hohen Magie bleibt für den Verstand unergründlich, aber das Fluidum überwindet ihn und haucht die Flügel der Engel an. In einem harmonischen Zusammenspiel von Symbolik, Wort, Klang und Handlung steigt durch Sexualmagie die Quintessenz aus den vier Elementen empor, öffnet für einen Augenblick die Pforten zum Himmel und lässt es Manna für alle regnen.

Gabriele Quinque

 

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