Gabriele Quinque
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 Positives Denken

- der direkte Weg in die Katastrophe

 

Haben Sie den folgenden Dialog schon einmal geführt?

„Wie geht es Ihnen?“ „Sehr gut!“ „Ach das tut mir aber leid für Sie, ich wünsche Ihnen von Herzen die nächste Katastrophe!“

- Nein, noch nicht? Warum eigentlich nicht?

Was ist eine Katastrophe?

Unserer Psyche fehlt der gesunde Umgang mit der eigenen Katastrophe. Alles, was als negativ – d.h. unangenehm – erlebt wird, soll in den positiven Pol verwandelt werden, damit eines Tages nichts mehr geschehen kann, das den Menschen von dem Genuss seines herrlichen Daseins im Glanz seiner erfüllten Wünsche abhalten könnte. Nur leider lässt sich diese vordergründige Lebenslüge nur kurze Zeit aufrecht erhalten und landet irgendwann immer im Desaster. Das einbrechende Unheil wird dann aber nicht so gerne als korrigierender Gegenpol verstanden. Statt dessen werden die positiven Absichten verstärkt, um alles Negative endgültig zu vernichten. Jedoch beschwört diese Bemühung noch größeres Leid herauf. Die Sucht nach „mehr-höher-schöner-reicher-freier-erfolgreicher-beliebter-sicherer“ ist ein Symptom für den bevorstehenden Zusammenbruch einer stofflichen Hochkultur, sei sie gesellschaftlich oder persönlich erschaffen. Die Geschichte lehrt: Eine schwelgende Dekadenz, die sich konfliktfrei den materiellen Genüssen hingeben möchte, ist dem Untergang geweiht. Der Mensch unserer Gegenwart hat verlernt, die Katastrophe zu lieben und ihr Erscheinen als willkommene Unterbrechung seiner eingefahrenen Kontinuität herbeizusehnen. Das griechische Wort katastrophe bedeutet jedoch Umkehr, Wende. Da dieses Prinzip die Menschen buchstäblich aus dem Schlaf reißt - und heute eigentlich fast alle schlafen - wird es in unseren Tagen generell als Unheil bezeichnet, obwohl für den einseitig ausgerichteten Erdenbürger in der Kehrtwendung die Chance zum Heil steckt. Der eingeweihte Grieche im Zeitraum der Antike jauchzte bei dem Eintreffen eines Lebensproblems noch begeistert auf: „Endlich ist sie da, die Katastrophe! Ich liebe sie! Wenn sie mir auch zunächst vieles nimmt, an das ich mich gewöhnt habe, so wird sie mich doch am Ende reich beschenken. Stoffliche Dinge werden vergehen wie verdörrtes Laub, und darin erkenne ich, wie sich analog dazu all jene Bewusstseinsschlacken von mir ablösen, die mich daran gehindert haben, die Evolution meiner Seelenstruktur bewusst mitzuerleben. Die Katastrophe führt mich aus der Enge meines winzigen eingerosteten Weltbildes in einen neue Weite, in der unnötige Grenzen meiner Persönlichkeit zusammenbrechen. Heureka! Ich habe es gefunden! Ich werde wieder viel wacher, entwickele mich und steige in höhere Dimensionen empor!“ Über diese Worte können heutzutage die meisten Menschen nur mitleidsvoll seufzen und tief zufrieden aufatmen, weil eine solche graue Vorzeit als überwunden gilt.

 

„Die Alten haben es eben nicht besser gewusst. Das sieht man ja schon an ihren Theaterstücken. In den Tragödien von Sophokles und Aischylos zeigt sich deutlich der Hang zur Katastrophe. Wer sich so etwas anschaut, zieht das Leid doch förmlich herbei. Heute sind wir bewusster, wir trainieren, programmieren und überlisten einfach unser Unterbewusstsein, entwerfen eine klare positive Vision, nutzen unsere Ressourcen, refraimen unsere Empirik und sorgen so für eine positive Innovation – und alles läuft nach Plan“, so argumentiert heute der lebensbejahende mental trainierte Mensch, der sich auf materiellem Erfolgskurs wähnt, weil er sich von positiv strahlenden Seminarleitern mit magischen Tricks versorgen ließ, die seine Persönlichkeit aufbauen sollen und ihm schon bald eine steile Karriere, eine gutgehende Firma und eine immense Kraft zum Motivieren seiner Mitarbeiter verleihen soll. Begegnet man einem frisch gecoachten Seminarteilnehmer gängiger Wirtschaftskurse, so beschleicht einen angesichts solch positiver Selbstgefälligkeit der Verdacht, man selbst sei ein hoffnungsloser Pessimist, der es niemals schaffen kann, sein Leben erfolgreich zu strukturieren, und der auch niemals an die Füllhörner der Schöpfung herankommen könnte, da man sich selbst durch negative Programme von dem wahren Glück abschneidet. Der andere scheint mehr zu wissen: Er „stimmt jetzt seine Wünsche mit dem Kollektiv ab“ und ergattert sich ab sofort das eigene Wachstum „durch einen sinnvollen Beitrag zur allgemeinen Verbesserung menschlicher Bedingungen“. Gelingt ihm das alles nicht im Handumdrehen, kein Problem, er lädt sich einfach immer wieder ein Update seines Mentaltrainers herunter und übt fleißig weiter, dann wird schon alles in Fluss kommen. Denn schließlich hält er die alten magischen Schlüssel in der Hand und nutzt sie endlich nicht mehr rituell für die eigene Bewusstwerdung und Weltüberwindung, sondern für praktische Lebensziele im Hier und jetzt. Und tonnenweise strahlt er aus, dass er in Zukunft einzigartig sein wird. Ein paar Visualisationen noch, mal hier mal da geklopft, die Mentalenergie eines Superheilers, eine Serie guter Entspannungen bei Synthesizer mit Vogelgezwitscher, die fest verankerte Vision auf den Alphawellen und ein jugendlich swingendes Lächeln in seiner Aura vermitteln ihm das untrügliche Gefühl, sein Alltagshirn in eine florierende Brainmaschine verwandeln zu können. Geheime Potentiale der Jahrtausende werden nun endlich für den äußeren Bau einer schöneren Welt Verwendung finden! Bald wird er hellsichtig sein und die Börsenberichte im Voraus kennen ... die Pläne und Erfindungen der Konkurrenz werden eines Tages vor ihm liegen, wie ein offenes Buch ... auch seine Willenskraft wird so bezwingend sein, dass er alles erreicht ... von nun an weiß er, was der Masse gut tut: Seine Projekte, seine Produkte! Natürlich! Was sonst?! Bravo! Schon sieht er sich fast das ganze Jahr auf den Maledieven, rund um die Uhr online natürlich, und umringt von verführerischen Damen, die ihn total attraktiv finden.

 

Sollte man nun so töricht sein, den Egoentfalteten zu fragen, wo in seinem strahlenden Konzept der zweite Pol bliebe, welcher aus Versagen und daraus folgender Eigenhinterfragung besteht, wird man angesehen, als stünde man mit dem Teufel im Bunde. Der ethisch Gebildetere meint, er müsse jetzt versuchen, eine verirrte menschliche Seele zu retten, was sogleich durch einen Schwall antrainierte Wortgewalt aus der hellen Schublade der Welt versucht wird.

 

Wir malen uns nun folgendes aus: Unser antiker Hellene mit seinem Hang zur Katastrophe hat heute kaum eine Chance, verstanden zu werden. Trifft der halbheilige Optimist auf einen uralten Chinesen, der ihm mit Hilfe des I-Ging beibringen will, wie viel leichter es ist, einen starken Charakter auszubilden, wenn man das Übel als die Hälfte der Realität ansieht, so dauert es nicht mehr lange, bis kleine bunt gecoverte Paperbacks mit dem Titel: Trainiere Deine visionäre Denkkraft - oder so ähnlich – in die Hände des eingeweihten Hellenen und des weisen Chinesen gleiten. Wenn dies wirklich geschähe, läge das mitleidsvolle Lächeln entschieden auf der anderen Seite. Die beiden Alten würden sich fragen, wie es passieren konnte, dass die Menschen sich so sehr verwickelt haben. Mit aufgerissenen Augen, voller Staunen, würden sie ihre eigenen Erkenntnisse über die Wirklichkeit der Gedanken und die Unwirklichkeit der materiellen Erscheinungen lesen. Von der Macht des Unterbewusstseins sind die alten Weisen selbstverständlich überzeugt. Das Buch enthält demnach keine einzige Unwahrheit, und doch ist es ein Buch, das unweigerlich die individuelle Katastrophe in das Leben desjenigen bringt, der die darin enthaltenen Anweisungen treulich befolgt. Die Alten wissen ja selbst am besten, wie wichtig und heilsam die Katastrophe ist, aber dass man sie über den Umweg des positiven Denkens herbeilockt, das ist wahrlich neu und erscheint ihnen ein wenig albern. Haben sie doch zu ihrer Zeit noch geduldig und demütig auf die Katastrophe gewartet und ihr, wenn sie schließlich kam, sofort die Tür geöffnet, ihr in freundlicher Gastlichkeit den Tisch bereitet und gespannt die Belehrung in Empfang genommen. Jetzt holt man sich die Katastrophe dadurch, dass man sie vermeiden möchte, also eher durch die Hintertür. Das erscheint den Alten zwar verrückt, aber sie wissen, es funktioniert freilich auch so. Die Schwachstelle, so vermuten sie, dürfte sein, dass die meisten zwar anfänglich begeistert den Anweisungen folgen und die angepriesenen Übungen auch durchführen, bald aber aus Trägheit wieder nachlassen. Dann fällt das Eintreffen der Katastrophe leider aus oder sie bleibt ziemlich klein und damit auch unwirksam. Doch einigen gelingt vielleicht der Effekt: Je polierter der positive Pol im Lichte glänzt, umso heftiger schlägt die finstere Katastrophe eines Tages zu. Das Pech daran ist nur, dass wegen der vorausgehenden Vermeidungsstrategie keiner mehr jubeln mag. Das finden die Alten nun sehr bedauerlich.

 

Der magische Pakt mit Rumpelstilzchen

 

Kinder hält man davor zurück, mit Feuer zu spielen. Die mentalen Übungen, die man versucht in den Dienst der Alltäglichkeit zu stellen, lassen sich recht gut mit Feuer vergleichen. Es gibt solche Techniken im Okkultismus wahrhaftig und sie funktionieren auch, aber sie bedürfen eines besonderen Hintergrundes. Die gekonnte Lenkung des Unterbewusstseins erfordert eigentlich eine regelrecht magische Schulung mit kosmisch abgesegneten Ritualen und Philosophien. Fehlt diese Unterweisung, hat man es mit Fragmenten zu tun, die zwar nicht überall falsch sind, weil sie aus mystischen Systemen entwendet wurden, aber nicht richtig sein können, da sie nur kleine Teilaspekte der gesamten Mystik aufzeigen. Die auf dem freien Markt erhältlichen Bücher mit den Anweisungen für die Pflege des Unterbewusstseins lesen sich so schön, sie machen richtig Mut und Hoffnung, aber sie laufen dennoch wie ein ICE in den Sackbahnhof ein und kommen ohne Hilfe einer ebenso starken Gegenkraft nicht wieder heraus. In den Büchern über das positive Denken wird viel über den inneren und äußeren Reichtum gesprochen. Fülle, Erfolg und sogar Wunder sind die erwählten Lebensbegleiter. Aber es ist kein Wort darüber zu finden, dass die „Not-wendige“ Katastrophe sich im Schatten zusammenbrauen muss, um plötzlich hinterrücks über den positiv motivierten Halbweisen herzufallen, damit er nicht einseitig wird, sondern seinen Teil des irdischen Übels gerechterweise mitträgt. Dass sich die Philosophie der Positivdenker vordergründig sehr einleuchtend anhört, liegt an einer ganzen Flut von Begriffsverwirrungen. Ihre Aussagen bilden ein ungesundes Gemisch aus echten metaphysischen Erkenntnissen, darwinistisch geprägten Evolutionsvorstellungen, moralisierender Alltäglichkeit, wirksamen magischen Praktiken und Showtalent. Alle Zutaten sind einzeln brauchbar und an ihrem Platz durchaus wertvoll, aber in der Gemeinsamkeit ähneln sie einer unpassenden Komposition von Nougatcreme mit Senf, die ein vierjähriges Kind wohlmeinend zusammenrührt, um sie der Mama als Muttertagüberraschung in den Mund zu schieben. Ebenso wenig wie diese Mischung schmeckt, wird ein Menschenleben durch positives Denken und visionäres Planen rundherum erfolgreich sein. Die Summe der Laster bleibt immer gleich, formuliert der Volksmund. Abgewandelt hieße dies: Was immer du positiv programmierst, kostet den Preis der negativen Erfahrung auf einer anderen Ebene. Im Märchen nennt man dies, einen Pakt schließen. Zuneigungen (Mond) werden mit Gold (Sonne) entlohnt, sie bringen manchmal ganze Königreiche ein. Dies gilt vice versa. Gold und Ehren (Sonne) werden mit Erstgeborenen oder Gefühlen (Mond) erkauft. Dass die Volksmärchen am Ende immer gut ausgehen, liegt bei weitem nicht daran, dass die Betroffenen positiv denken oder gut visualisieren können. Sie haben vielmehr in ihrem Reifungselend derart harte Erfahrungen erlitten, die ihnen einen Ausgleich ihrer einseitigen Bestrebungen abverlangten und sie dann so heiligten, dass sie eine vollständig neue Bewusstseinsebene erlangten. Erst wenn Glück und Leid, Macht und Ohnmacht, also der positive und der negative Pol im Gleichgewicht schwingen, ist alles gut und „nicht mehr von dieser Welt“. Vorher nicht! Das magisch versierte Rumpelstilzchen hilft gern, aus Stroh (irdisches Weltbild) Gold (kosmisches Bewusstsein) zu spinnen. Aber der kleine Dämon will „der Königin ihr Kind“ (die Seele). Erst wenn der Name offenbar wird, also wenn von einer magischen Macht auch „das Zuhause im dunklen Wald“ (die Schattenseite) erkannt wird, kann man sie einschätzen und lenken. Wer Magie auch im Schatten beherrscht, für den verliert sie die Gefahr, denn sie schlägt nicht mehr ungerufen zurück. Die gesetzmäßige Rumpelstilzchensteuer wird von den Positivdenkern und Schicksalsgestaltern meistens vergessen; sie lassen sich von dem kleinen Zauberer zunächst einfach helfen und schauen womöglich jeden Morgen mit dem „ich werde täglich besser und besser“- Blick (D. Carnegie) in den vermeintlich sorgenfreien Spiegel, bis das Rumpelstilzchen erscheint und seinen Tribut einklagt. Denn Halbweisheiten sind auch Lügen, und Lügen haben kurze Beine. Um die Aussagen der Visualisationsartisten unter die Lupe zu nehmen, muss man sich die Mühe machen, die Worte, die dort verwendet werden, wieder an ihren richtigen Platz zu stellen. Fangen wir einmal bei dem Begriffspaar Involution und Evolution an.

 

Involution und Evolution

 

Es kennzeichnet die typische Diesseitsfreude des Menschen, das Wort Evolution in einen völlig verkehrten Zusammenhang zu stellen. Evolution wird aber erst richtig eingesetzt, wenn man die Involution gegenüberstellt. Den meisten ist der Begriff Involution in seiner Bedeutung fremd, da sie mit Darwin glauben, das Dasein hätte vor langer Zeit auf primitivster Stufe begonnen und würde sich allmählich zu einem höheren Geist entwickeln. Aus religiöser und geheimwissenschaftlicher (Schöpfungsgeschichten in Heiligen Schriften, Kabbalah etc.) Sicht stimmt dies so nicht. Dort beginnt das Sein in der höchsten Form des Geistes und sondert sich im sogenannten Sündenfall ab, um sich schichtweise in gröbere Gewänder zu kleiden. Diesen Absturz der schöpferischen Kraft in die Verdichtung von der Feinstofflichkeit in die Grobstofflichkeit nennt man Involution, das bedeutet Verwicklung. Die einst himmlische Seele verwickelt sich auf der tiefsten Stufe im Erdendasein. Der gegenpolare Zug vollzieht sich als Entwicklung, also Evolution. Wenn die Seele an ihrem niedrigsten Punkt angelangt ist, kann (bzw. muss) sie sich wieder entwickeln. Auch Bäume und wirtschaftliche Erfolge wachsen nicht in den Himmel, beide unterliegen einem Gesetz der Mitte und des Werdens und Vergehens. Bemüht man sich aber in seinem Leben, immer mehr im Stoff anzukommen, die Materie immer weiter zu vermehren und zu veredeln, will also andauern reicher und gesünder werden, so stellt man sich unbewusst in den Dienst der Involution und arbeitet an der Verwicklung. Wer sein Wirken aber nun für eine Evolution hält, darf sich nicht wundern, wenn das Wort Evolution (Wörter sind Zugpferde) zum Rumpelstilzchen wird und das Bewusstsein wahrhaftig in die Evolution bringen möchte. Als Evolution bezeichnet man doch die langsame Entwicklung einer stofflichen Natur in höhere feinstoffliche Aspekte der Wirklichkeit. Der Weg der Evolution führt also genaugenommen aus der Materie wieder heraus in den Geist. Übungen aus der Tradition der Geheimlehre stehen ausschließlich im Dienst der so verstandenen Evolution des Menschen; sie wollen ihn tatsächlich entwickeln, nachhaltig aus dem Stoff befreien. Werden sie jedoch dafür eingesetzt, sich noch mehr zu verwickeln, kehren sie von sich aus – wegen ihrer Wirksamkeit! – den Spieß herum und befreien den Menschen von allen Bindungen oder Besitztümern, die sich einer Vergeistigung verweigern. Der zu seinem äußeren Wohle Visualisierende erreicht im Endeffekt etwas ganz anderes, als er ursprünglich bezweckt hat. Das Räderwerk der Prinzipien setzt an, ihn bewusster und geistvoller zu machen und er bezahlt dafür auf irgendwelchen irdischen Ebenen. Damit wirkten die metaphysischen Übungen korrekt und sie bleiben über Vorwürfe erhaben, denn der  wahre Adept bezweckt eben diese Lösung aus den Banden des Stoffes. Der Profane hingegen hat versucht, eine fremde, unbekannte Kraft für sich zu einzusetzen, die ihm gar nicht gehört; er zielte mit Mitteln, die das Bewusstsein entfalten und höhere Seinsformen eröffnen, darauf ab, seine irdischen Wünsche in die Erfüllung zu bringen. Er wollte einen Kurs in Wundern wirken, ohne selbst heilig zu sein. Er wird keine Wunder erleben, aber er wird sich wundern, denn die Werkzeuge der Gedankenkontrolle befreien ihn ungewollt von irdischer Stabilität und lassen seine kleine halbwahre Welt morsch werden und langsam zusammenbrechen.

Anders der erfahrene und geweihte Mystiker, er steuert diese Bindung aus der Stofflichkeit bewusst an, bestimmt aber Ausmaß und Geschwindigkeit des Prozesses selbst und weiß sehr genau um die Gnade der Allmählichkeit dabei. Er weiß um die Dualität und spannt bewusst eine positive und eine negative Kraft vor seinen Wagen. Er hat gelernt, die Kräfte zu zügeln und wird nicht von ihnen fortgerissen. Auch er möchte Wunder erleben und erlebt sie auch, aber er weiß, alle Wunder bedürfen einer Umkehrung. Die Kehrseite des Wunders ist die Katastrophe! Freiwillig löst er sie ein, indem er magische Macht mit demselben Maß an Demut ausgleicht. Das Wohlleben des einen Tages gleicht er aus mit Entsagung an einem anderen. Will er sich von Herzen freuen, so bedankt er sich auch für die Fähigkeit, das Leid bewusst durchwandern zu dürfen. Wenn er sich hinauf gereckt hat, vergisst er nicht, sich nach unten zu beugen. Seine positiven Visualisationen lässt er einzig zu dem Zweck aufleben, einen verborgenen Tempel der Herrlichkeit zu erbauen, in dem er anrufen und beten kann. Er meditiert, um für die Kräfte des Alls würdig zu werden. Er will ihrer würdig werden aus Sehnsucht und Verpflichtung nach kosmischer Verantwortung, einzig und allein, um dem heiligen Plan von höchster Stelle als Berufener auf Erden zu dienen. Höchste Macht bedeutet für ihn ebenso höchstmögliche Loslösung von persönlichen Belangen. Darum wendet er sich an Gott niemals mit der Bitte um materielle Wunscherfüllung, denn das, was ihn am meisten von Gott trennt, ist die Materie. Also sind die Gebete des fortgeschrittenen Magiers vor allem von Lobpreis und Verehrung getragen. Das bringt seine Seele näher zu Gott und Seiner Segnung, obwohl er durch die Physis getrennt von Gott bleibt.

 

Am Schluss dieser Gedanken darf der Positivdenker fragen: Wie erlangt man denn materiellen Erfolg, wenn nicht durch Visualisationen und metaphysische Übungen der Evolution? Antwort: Natürlich nur mit Visualisationen und Übungen der Involution, die da heißen: Arbeit, Fleiß, Kreativität, Fleiß und Arbeit! Anders geht es nicht? Nein, ich glaube nicht! Das einzige, was durch metaphysische Übungen geschehen kann, ist eine deutliche Kraftvermehrung, um eben diese genannten Arbeiten vollbringen zu können. Und was meinen Sie?

 

Gabriele Quinque,

Artikel Einblick 1994

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