Gabriele Quinque
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 Das Asklepiosproblem als Mythos der Heilung

 

Wer den Menschen nicht

zu einem Gott erhöhen will,

weiß nichts von Heilung.

 

Moderne Ärzte suchen in vielen Kulturkreisen nach Techniken, die dort erfolgreich zur Behandlung von Symptomen eingesetzt werden und kopieren sie. Doch wie leicht wird dabei die religiöse Anbindung des Heilmittels übersehen und das Konzept in ein materialistisches Weltbild gezwängt. Aber eine Ohrkerze allein macht noch keinen Medizinmann. Auch ein fähiger Klassischer Homöopath schlägt nicht nur in einem Repetitorium nach. Bevor er die potenzierte Arznei wie ein wundersames Elixier weitergibt leidet er lange ähnlich und wird dadurch ein Adept des Erhebungsprinzips. Reift er selbst zu einer metaphysischen Trägersubstanz heran, verwandelt sich die Gabe in seiner Hand in ein Sublimat, das den Patienten auf höhere Bewusstseinsstufen zu erheben vermag.

Heutzutage sind die alten Vorgehensweisen der Schulmedizin für viele fragwürdig geworden, doch für einen Quantensprung auf der Bewusstseinsebene fehlen Mut und initiatisches Wissen. Wendet sich der neue Typ des Mediziners allzu vielen Alternativmethoden zu, so kommt es in der praktischen Anwendung zu einem eigentümlichen Gebräu aus Wissenschaft, archaischer Heilkunde und metaphysischer Halbweisheit, und sein Auftrag scheint hauptsächlich darin zu bestehen, einen weiteren Beweis der allgemeinen Verunsicherung unserer Zeit zum Ausdruck zu bringen. Hier sollte das folgende klar gesehen werden: Das erklärte Ziel aller gängigen Therapieformen lautet: »Patient gesund machen.« Das Ziel des Patienten lautet: »Onkel Doktor oder Bruder Heilpraktiker, es tut weh. Bitte sorge dafür, dass es weg geht.« Da nicken sie dann alle mit dem Kopf. Der Onkel Doktor beginnt zu doktern. Und an seinem Glücksrad dreht emsig der Heilpraktiker. Doch ahnt er es manchmal irgendwie. Was? Dass es ›praktisch‹ keine Heilung gibt. Gelangt der Mensch im Zusammenhang mit seinem Wunsch nach Gesundwerdung nicht gleichzeitig an die Pforte eines Heilsweges für seine Seele, so handelt es sich stets um geschickte Symptomverschiebung und nicht um Heilung. Der altgriechische Mythos des Asklepios bestätigt diese Idee durch seine Struktur.

Asklepios, der Gott der Heilung, war zunächst kein Gott des Olymp, sondern nur ein Halbgott, also ein Sterblicher auf Erden, der die Götter so lange zur Weißglut brachte, bis sie ihn, um des lieben Friedens Willen, in den Himmel aufnahmen. Diese metaphorische Figur steht also nicht, wie viele meinen, für den ersten Arzt, der wusste, dass die Seelenarbeit eine wichtige Funktion bei der Heilung von Symptomen einnimmt. Asklepios symbolisiert vielmehr den ersten weltverhafteten Arzt, der diesen Aspekt viel zu sehr vergessen hat.

Unternehmen wir eine Zeitreise in das antike Griechenland. Dort finden wir die beauftragten Götter der Heilung. Apollon der Sonnengott, und Hades der Gott der Unterwelt teilen sich dieses Amt. Denn Heilung bringen im Sinne von »Ganzheit wieder herstellen« kann nur das göttlich gestärkte Geistprinzip. Eines Tages jedoch geschieht das Verhängnisvolle, wodurch dieses Gesetz umgangen werden soll. Apollon macht die irdische Königstochter Koronis zu seiner Geliebten. Das Mädchen trägt schon den Embryo des Sonnengottes in ihrem Leib, vermag jedoch dem Werben eines sterblichen Mannes nicht zu widerstehen und gibt sich ihm zusätzlich hin. Koronis verliert auf diese Weise ihre Jungfräulichkeit, die sie als Theotokos, als Gottesgebärerin, hätte behalten müssen. Als Apollon von ihrer Untreue erfährt, reagiert er furchtbar ärgerlich und schickt seine lunare Schwester Artemis zu Koronis. Artemis tötet die Treulose sofort, und es wird ein Scheiterhaufen errichtet, um den Leichnam zu verbrennen. Als die Flammen schon den Körper der Koronis verschlingen, stürzt Apollon selbst aus dem Himmel herunter, entreißt dem toten Leib den von ihm gezeugten Asklepios und rettet diesem das Leben.

Obwohl der Seitensprung der Asklepios-Mutter unentwegt von den Lippen antiker Mythenerzähler floss, wurden im Asklepios-Tempel zu Epidauros die skandalösen Umstände verschwiegen. Man erfand kurzerhand einen harmloseren Hergang der Legende und verkündete ihn als offizielle Version. In dieser Form hieß es nur, Koronis setzte das Kind ihres göttlichen Geliebten in Epidauros aus, worauf er bald als Sohn des Apollon erkannt und verehrt wurde. Dieser Mythos war eine infame Mogelei der Priesterärzte von Epidauros, die offenbar noch soviel wussten, dass der wahre Geburtsmythos von etlichen Menschen richtig gedeutet werden könnte, jedoch gleichzeitig schon so degeneriert waren, neue Mythen zu erdichten, die sich besser in ihre erdennahen Machenschaften einsortieren ließen.

Einem Gesetz zufolge ruht jedoch die Struktur einer Interessengemeinschaft unverblümt in ihren ursprünglichen Entstehungsmythen, Schutzheiligen und Symbolen, unabhängig davon, welche idealisierten Beteuerungen abgelegt werden. Lauschen wir also tiefer in die authentische Legende des Asklepios hinein. Apollon gibt den geretteten Sohn in die Obhut des heilkundigen Kentauren Chiron, der für eine symptomspezifische Heilkunde bekannt ist und Asklepios darin unterweist. Als Kentaur ist Chiron halb Mensch, halb Pferd. Hier tritt der gravierende Unterschied zwischen »Heilen durch Heiligung« einerseits und »Gesundmachen durch Behandlung« andererseits noch sehr deutlich zutage. Das Heilen liegt in göttlicher Macht, und die Priester sind auf Erden die Gesandten der Götter, die befugt sind, die Menschen seelisch zu heiligen. Die Aufgabe Kräuter und Arzneien zu verabreichen, also akute Verarztung vorzunehmen, obliegt der Kentauren aus einem mythischen Zwischenreich, die Asklepios zu ihrem Handlanger auf Erden ernennen. Das Bedürfnis zu heilen entwickelt Asklepios aus dem Erbanteil seines Vaters Apollon. Der materialistische Umgang mit dem Heilwissen ist eher in dem Blut seiner Mutter Koronis zu suchen, die zu erdbezogen war, um dem Auftrag gerecht zu werden, mit dem Samen des Sonnengottes die Erde zu heiligen. Asklepios bringt unzähligen Menschen die Gesundheit und sogar das Leben zurück. Doch sind seine Handlungen von Kurzsichtigkeit geprägt und gefährden ernstlich die kosmische Ordnung.

Hades zürnt ihm, da er in den Wirkungsbereich der Schattenwelt eingreift und wahllos Symptome hinwegtherapiert. Hades entspricht in der griechischen Mythologie dem Bild des ägyptischen Osiris. Beide nehmen es als Gott auf sich, in der Unterwelt zu wohnen und die Bücher mit den Schattenanteilen der Menschen zu bewahren. Wem es nun gelingt, lebendig in den Hades einzutreten, der darf in diesen Aufzeichnungen lesen und seine verdrängten Schatten durch das Licht der Bewusstheit erlösen. Diese Erhebung unbewusster Anteile in Bewusstes bringt es mit sich, dass kränkliche Symptome in der Physis des Menschen verschwinden, weil sich ihr Hinweis auf in den Schatten gedrängte Bewusstseinsinhalte erledigt hat. Jedoch besteht die Notwendigkeit, den Abstieg in den Hades tatsächlich zu wagen, damit das Gesundwerden mit einem Erkenntniszuwachs einhergeht.

Unter diesem Gesichtspunkt war das Kranksein in Wahrheit nur die verkleidete Aufforderung, diesen geheimen Weg in den Hades zu finden, da der Mensch anfänglich gezwungen werden muss, seinen Erlösungsweg zu beschreiten. Im Fall der Heilungen durch Chiron und Asklepios hingegen wird der Gang in den Hades unnötig. Damit entfällt jene geheimnisvolle Arbeit, die der menschlichen Seele Ewigkeitstauglichkeit verleiht, was eine Stagnation des Entwicklungsprozesses mit sich bringt. Der von Symptomen Befreite geht nämlich froh und glücklich an sein Tagwerk und kommt überhaupt nicht auf die Idee, sich seiner Schattenanteile widmen zu wollen. Warum sollte er dies auch tun, denkt er doch anhand seiner Schmerzfreiheit, ihm fehle nun nichts mehr. Darin irrt er sich aber, ihm fehlt immer noch das Wichtigste, das jedem Menschen fehlt: Der Schatten!  

Da es Heilung ohne tiefgreifende Selbsterkenntnis und Integration unbekannter Anteile nicht gibt, bleibt die dauerhafte Heilung notgedrungen aus und das Kranksein kehrt unter anderem Namen zurück. Denn in der Unterwelt wächst der ungetane Rest seiner spaltungsbedingten Halbheit zu einem Monster heran. Die Schicksalsmächte sehen sich deshalb gezwungen, härtere Herausforderungen auf den Plan zu rufen, um den Betreffenden schließlich doch noch zu bewegen, sich den unabdingbaren Weg in den Hades zu bahnen. Diesen Umstand berücksichtigt Asklepios leider nicht. Er bringt Symptome zum Verschwinden, wie er Lust hat, und hält niemanden dazu an, den Weg in die Unterwelt zu finden. Damit verschafft er sich eine große Beliebtheit bei den Menschen, da sie froh sind, nun endlich schnell und unkompliziert gesund zu werden, ganz ohne Einkehr in Tempelbezirke und ohne den Beistand der Götter. Freilich gerät Asklepios mit seinen Spontanheilungen in einen denkbar schlechten Ruf bei den göttlichen Urprinzipien, deren Pflicht es ist, die Gesetze des Universums unverändert zu lassen und jeden, der dagegen verstößt, gnadenlos zu bestrafen. Der apollonische Sohn wird aufgrund seines vermeintlichen Heilens, das eben nicht heiligt und darum die äußeren Bedingungen der Menschheit langfristig erheblich verschlechtert, immer unhaltbarer, zumal er auch noch im Besitz des linksseitigen Gorgonenblutes ist und damit jederzeit Tote erwecken kann. Sogar dies bewirkt er häufig, ohne sich mit Hades zu beraten, der als einziger im Göttergefüge für die Erweckung von Toten zuständig ist.

Hades lässt jene Tote für die Ewigkeit auferstehen, welche sich zu Lebzeiten geistig erweckt haben und es fertig brachten, im Rahmen einer rituellen Zweiten Geburt mit einem fluidalen Leib bekleidet, in sein Reich zu gelangen. Wer diesen Leib nicht besitzt, verliert nach seinem Tod den Kontakt zu seiner Seele, wabert als Larve durch die Unterwelt und verliert seine Individualität. So verwest ein Wesen im Unbewussten und liefert nur energetischen Dung für neue Manifestationen.

Als nun Asklepios eines Tages den verstorbenen Hippolytos wieder zum Leben erweckt, verurteilt Hades dies als unerträglichen Eingriff in seine ureigenste Domäne, denn Hippolytos besaß aus der Sicht des Hades kein Recht aufzuerstehen. Das Maß ist voll, und der Gott der Unterwelt erhebt endlich Klage bei Zeus gegen Asklepios. Es kommt einem Skandal gleich, was Asklepios zwar in bester Absicht, jedoch in verblendeter Gesinnung ausübt. Der Göttervater erkennt das Ausmaß des Asklepios-Problems sofort und streckt den großen Gesundmacher, der sich fälschlicherweise zum Heiler berufen fühlt, mit einem Blitz nieder.

Hier könnte der Mythos enden und die alte Ordnung wäre wieder hergestellt. Aber nun geht das Gerangel der Götter erst richtig los. Fast sieht es so aus, als ob ein einziger Asklepios gleich mehrere Gottheiten zur Strecke bringt. Als Apollon nämlich von dem Tod seines Sohnes hört, kann er kaum an sich halten vor Zorn und möchte Zeus am liebsten für immer vernichten. Da er dies wegen seiner Rangordnung nicht darf, tötet er die drei Zyklopen, die für Zeus die Blitze schmieden. Dies wiederum ärgert Zeus derartig, dass er Apollon in den Tartaros verbannen will. Er hätte es wohl auch getan, wenn Apollons Mutter nicht eine ehemalige Geliebte von Zeus wäre, die ihn jetzt daran erinnert, dass er selbst Apollons Vater sei und von daher nicht ungebührend streng sein dürfte. Zeus beruhigt sich ein wenig und lässt sich darauf ein, die Bestrafung in ein Jahr Knechtschaft bei den Sterblichen umzuwandeln.

Hades jedoch bleibt übel gelaunt und wird noch missmutiger, als Asklepios sich mit Hilfe des Gorgonenblutes selbst wiedererweckt. Ein Sterblicher, der genau so heilen kann wie die Götter, aber keinen religiösen Akt damit verbindet, verstößt gegen die kosmische Ordnung. Asklepios muss also unbedingt von der Erde verschwinden. Aber wohin mit ihm? Hades könnte ihn nicht in seinem Reich ertragen, er hasst Asklepios, wie er alles Triviale verabscheut. Poseidon würde Asklepios einfach nur in blaugrüner Wassertiefe auflösen, was den Zorn der Menschen erregte. Apollon kann ihn nicht in seinem Sonnenwagen aufnehmen, weil er seine Strafe auf der Erde verbüßt. Also bleibt nur der Olymp. Um nicht noch mehr Unruhe heraufzubeschwören, erhebt Zeus den irdischen Arzt in den Himmel und erklärt ihn zu einem Gott. Darin liegt der gute Ratschluss des Zeus. Deo concedente! Mit der Zustimmung Gottes! Für alle Zeiten bleibt der Hinweis bestehen, dass nur ein Gott heilen kann, und so mancher Arzt oder Patient wird sich vielleicht daran erinnern und den Erkenntnisweg zu Apollon und Hades suchen.

Aber die Erhebung des Asklepios ist lange her. Als ehrwürdiger Patron mit dem Schlangenstab begleitet er noch heute die Ärzteschaft. In dem Heilungskonzept, dem die Ziehkinder des Asklepios dienen, findet aber leider nur noch sehr selten statt, was der Schlangenstab verspricht. Dieser Stab gehört seit Anbeginn der Zeiten den Priestern und nicht den Ärzten. Die Menschen kommen intuitiv zu der Kraft dieses Symbols, das unauslöschlich in ihrer Seele geschrieben steht und sie an uralte Einweihungstraditionen erinnert. Eine sich am Stab hochwindende Schlange symbolisiert in allen Mysterienkulten ein Aufrichten der in den Stoff gestürzten Seele. Es gab noch nie eine Religion, in der dieser Schlangenstab gefehlt hätte. Auf allen Kontinenten, in allen Völkern begegnen uns Stäbe, an denen sich entweder eine oder zwei Schlangen empor winden. Wann immer im Zusammenhang mit Stab und Schlange von körperlicher Gesundheit gesprochen wird, handelt es sich lediglich um eine volkstümliche Umschreibung des Heilwerdens im Sinne von heilig werden. Dieser Prozess beinhaltet aber zwingend eine Erfahrung, die das Heraufholen von Schattenanteilen aus der Unterwelt mit nachfolgender Erhebung in die Welt der Archetypen in sich einschließt. In rein körperlicher Hinsicht lässt sich darum überhaupt nicht von Heilwerden sprechen. Wenn die Haut ›heilt‹, weil ein Balsam mit wirksamen Substanzen dazu beiträgt, das Schließen der Wunde zu beschleunigen, hat noch kein Erkenntnisprozess stattgefunden. Der Auftrag von Schlange und Stab wird demnach von keiner Salbe der Welt erfüllt. Wer den Menschen nicht zu einem Gott erhöhen will, weiß darum nichts von Heilung.

Bildnachweis für diese Seite: Jutta Heuer, 2001

Mehr über Heilung und Schattenarbeit in:

Gabriele Quinque, Tempelschlaf, Grundlagen der Trance-Arbeit,

Param Verlag, ISBN 3-88755-012-9 

 

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