Gabriele Quinque
Kontakt & Vita
Tempelschlaf
Tempelschlaf & Ibiza
TS-Ausbildung 2018
online schmökern
Quaternarium
Liebe im Gastmahl
Jupiter
Nereiden
Leukothea Gedicht
Zweite Geburt
Katastrophe positiv
Mythos Inanna
Pietà
Pistis Sophia
Asklepios
Heilung & Heiligung
Prometheus
Sisyphos im Amt
Amor und Psyche
"Ich bin" Worte Jesu
Das Goldene Kind
Heilige Familie
Absolut & Relativ
Zwielicht im Licht
Sexualmagie
Mythologie
mp3 Mysterienbünde
Tattva V. Interview
Drei meiner Bücher
Buchempfehlungen
Links
AKTUELLES
Öfftl. Vorträge 2017
Seminarprogramm 2017
Gästebuch

Das Absolute und das Relative

 

Ein Hochsitz aus Holz und

Blättern bildet keinen Ersatz für ein

Hochamt von Gold und Myrrhe.

 

Gabriele Quinque

 

Die Grundideen der New-Age-Bewegung haben von Anfang an versagt und werden auch künftig versagen. Herausragend im späten 19. Jahrhundert und in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts wollten sich New-Tought- bzw. New-Age-Anhänger mit wissenschaftlichen Methoden Gott nähern. Dies sollte außerhalb von Religion und deren Liturgie geschehen. Wie bahnbrechend die damit einhergehenden Heilsversprechen auch hochgejubelt wurden, sie funktionierten nicht. Warum nicht? Die Wünsche nach Leidensfreiheit durch eine Reihe von energetischen Therapieformen oder kurzgeschlos­senen Techniken bleiben auch heute noch unerfüllt, und man betrügt sich fleißig mit positiver Affirmation, kreativer Visualisation oder gar durch das Schaukeln auf ergonomisch geformter Wackelliege, um Gefühle postnataler Geborgenheit zu erzeugen, worin man irrtümlicherweise eine Art Heilsgeschehen vermutet. Der Grund für das Misslingen liegt in der Begierde nach sofortigen Ergebnissen, die solchen Techniken anhängt. Ein Leichtgläubiger reagiert auf falsche Versprechungen mit ebenso falschen Erwartungen. Besorgt darüber schrieb ich 1993 das Buch Tempelschlaf, das allerdings von den Betroffenen entweder nicht gelesen oder nicht verstanden wurde. In einem wiederkehrenden Turnus entschuldigt der moderne Spirituelle seine chronische Unfähigkeit, ein erfülltes Leben in beruflicher und/oder partnerschaftlicher Hinsicht zu führen, mit der esoterischen Plattitüde, sich in einer Transformation zu befinden. Die Frage, was denn die durchlebte Transformation vor einem Jahr bewirkt habe, bleibt unbeantwortet. Im Raum steht dann die Mutmaßung des Befragten, dass er seinen Kurs für Wunder noch eine Zeitlang weiterführen müsse, damit alle Probleme endlich verschwänden. Hier wurzelt das Kernproblem des New-Age-Weltbildes. Es gibt nämlich kein Gemisch aus esoterischer Seinslehre und pseudowissenschaftlichen Patentrezepten, welches dabei helfen könnte, das Glück auf Erden dauerhaft zu begründen. Die gegen jede Vernunft verstoßende Hoffnung der selbsternannten Spirituellen auf eine neue und geheilte Erde bleibt deshalb zum Scheitern verurteilt. Der häufig angeführte Begriff Neue Erde stammt ohnehin aus der Apokalypse des Johannes und meint das Neue Jerusalem, das eine individuelle Bewusstseinsstufe und keine Verwandlung der Erde kennzeichnet. Diese Erkenntnisebene kann jedoch nicht durch methodische Einzelübungen erlangt werden. Die innere Neue Erde eines Geisteslebens entsteht allein durch systematische Rückbindung an Kult und Liturgie, wie dies in Religion oder Mystik zur Anwendung kommt. Auch die Heilung von Körper, Seele und Geist stellt sich nur Deo concedente, mit der Zustimmung Gottes ein, und lässt sich nicht durch halbwissenschaftliche Schaltknöpfe programmieren.

 

Jede Religionsform folgt denselben Urbildern, gleichgültig in welcher Verpackung sie erscheint. Wenn der Mensch sich zu diesen Urbildern erhebt, gewinnt er Anbindung an ein Ewiges Leben, das dem diesseitigen Hier und Jetzt übergeordnet ist. Im Judentum wird die Gegenwart nicht zufällig mit Exil oder Diaspora bezeichnet, also mit Verbannung und Zerstreuung. Erst in der Zukunft, in Kawanoth, im höchsten Gebet an Gottes Thron, herrscht der Frieden echten Angekommenseins. Diese Denkweise ist typisch für alle Hochreligionen. Allein das New-Age-Denken versucht sich seit jeher vehement vor Mythologie, Kult und Tradition in Sicherheit zu bringen, indem es sich auf das Gegenwärtige konzentriert und alles Streben nach einer jenseitigen Verherrlichung zugunsten einer ausschließlich diesseitigen Achtsamkeit aufgibt. Angeführt werden häufig Aussagen Buddhas, der in der Menschheitsgeschichte gut fünfhundert Jahre vor unserer Zeit­re­ch­nung am Fuße des Himalaya auf den Plan kam, um den ausufernden Polytheismus einzudämmen und größere Sorgfalt in ein chaotisches Alltagsleben zu bringen. Das war damals gutzuheißen, ersetzte aber keine installierte Religion. Deshalb wurden der buddhistischen Weltanschauung Sakramente in Form jener regionalen Eigenarten hinzugefügt, in denen sie sich etablierte. In diesem Sinne gibt es den einen Buddhismus als Spiritualität des Ostens nicht. Vielmehr schaut er uns mit tausend Gesichtern an und lässt sich anhand unzähliger Zeremonien und heiliger Regeln nicht auf die Ausübung von Achtsamkeit und Egoverzicht reduzieren. Man denke nur an das durchaus rituelle Geschehen des dreimaligen Umwanderns des Stupa und die dreizehn Ehrenschirme des Buddha als Verheißung für die Unsterblichkeit jenseits der persönlich geprägten Physis. Auch sechszehn Stunden in einem unterkühlten Zen Dojo in tiefer Meditation zu verbringen, geht mit einer erheblichen persönlichen Leistung einher und ist keineswegs mit der abendländischen Vorstellung von >Zen in der Kunst des Fensterputzens< gleichzusetzen.


Vorwiegend in der westlichen falschverstandenen Spiritualität wird der buddhistischen Anweisung, durch Meditation einen Zustand innerer Leere zu erzeugen, das Hauptgewicht beigemessen. Die damit verbundene Vorstellung geht davon aus, wer dies rund um die Uhr ausüben würde, der sei spirituell und der Erlösung schon recht nahe. Um mehr noch zu erreichen, müsse man auch Konditionierungen aus der Vergangenheit und Visionen für die Zukunft loslassen sowie gänzlich auf die Bedürfnisse des Ego verzichten. Gelänge dies, so die Meinung, würde sich die Erleuchtung wie von selbst einstellen. So falsch diese Verkündigung auch ist, um das Maß voll zu machen, wird zudem behauptet, man könne die genannten Erfordernisse besser verwirklichen, wenn man sich von allem fernhielte, das an antiquierte Seinslehren wie Religion oder Mystik erinnert. Ein tradiertes Religionssystem würde einer aufwändigen Gedankenleistung unterstehen, die kopfbelastet sei und wegbringe von dem ersehnten Zustand der Erleuchtung. Für den, der nicht weiß, was mit dem okkulten Begriff Illumination eigentlich gemeint ist, klingt dies plausibel, ja er ist vielleicht sogar froh, sich von vermeintlich unnötigem Ballast befreien zu dürfen.


Wegen ihres hohen Verkaufswertes blühen solche kurzgeschlossenen Ratschläge in stets neuer Verpackung auf, obwohl ihre Früchte sich in vielen Fällen als frustriertes Dahinvegetieren zeigen - ganz fern von Erleuchtung. Hoffnungsträger, die Gedankenvermeidung und Bedürfnislosigkeit empfehlen, führen eine Art spiritueller Demenz herbei und sind deshalb mit Vorsicht zu genießen. Der lateinische Begriff dementia bedeutet ohne Verstand. Ein Zitat bringt es auf den Punkt: Maßgeblich ist der Verlust bereits erworbener Denkfähigkeiten im Unterschied zur angeborenen Minderbegabung (Wikipedia).


Ein berühmter Vertreter des New-Age der Gegenwart, schreibt: Der Philosoph Descartes glaubte, er habe die fundamentalste Wahrheit gefunden, als er seine berühmte Aussage machte: „Ich denke, also bin ich.“ In Wirklichkeit hat er damit den grundlegenden Irrtum ausgedrückt, nämlich den, Denken mit Sein und Identität gleichzusetzen. (Eckhart Tolle, Jetzt, Seite 26, Kamphausen, 24. Auflage 2010) In darauf folgenden Sätzen geht der Autor auf das zwanghafte Denken ein und hebt die Konflikte hervor, die daraus erwachsen. Von pathologischen Obsessionen hat jedoch der Philosoph René Descartes (1596-1650) nicht gesprochen, er meinte kein sinnloses Kopfzerbrechen, sondern die Kunst des klaren Denkens und Philosophierens. Der oben genannte Autor formuliert danach eine der beliebtesten Esoterik-Phrasen, die er falsch interpretiert. (Zitat): Erleuchtung ist ein Zustand von Einheit und somit Frieden. Einheit mit dem Leben und seiner manifesten Erscheinung (...) Identifikation mit dem Verstand erschafft einen dunklen Schleier von Konzepten. (Zitat Ende)


Würde der Satz mit Einheit und Frieden nicht in verkehrte Zusammenhänge gestellt, wäre er goldrichtig, man könnte ihn als die Verheißung auf eine erworbene Bewusstseinsfrucht jenseits der Dualität verstehen. Aber nein, es folgt sofort die typische New-Age-Untugend, nämlich religiös oder philosophisch gemeinte Kernaussagen mit Alltagsleben zu verknüpfen. Da Alltagswünsche und Religion nicht wirklich dem selben Stern folgen, erschreckt es mich, dass dieser Tenor weltweit so millionenfach abgenickt wird. Vor allem, weil es nicht wie früher der kirchlichen Inquisition vorbehalten bleibt, Descartes zu verunglimpfen, sondern ihn paradoxerweise jemand ad absurdum führen will, der Bekenntnisse zu Religionen heftig kritisiert und ablehnt.


Descartes ergänzte den philosophischen Gottesbeweis des Anselm von Canterbury, der etwa sechshundert Jahre vor ihm danach gesucht hatte. Für Descartes war das Denkenkönnen des Menschen zweifellos ein Gottesgeschenk, das höchste Erkenntnis ermöglicht. Descartes sagte: Ich habe in mir die Idee Gottes als ein allmächtiges, unendliches und allwissendes Wesen. Diese Idee kann nicht aus der äußeren Wahrnehmung stammen, die mir immer nur die endlichen Naturdinge zeigt, und ich kann sie auch nicht aus mir selbst gebildet haben. Er führte weiter aus, dass es Gott selbst gewesen sein müsse, der den Gedanken an Seine Existenz den Menschen eingepflanzt habe. In seinem berühmtesten Zitat - Cogito ergo sum, ich denke, also bin ich - wollte Descartes den menschlichen Auftrag einerseits über den Instinkt des Animalischen erheben, andererseits den unwissenden Kirchenbesucher auffordern, sich philosophierend auf die Suche nach wahrer Erkenntnis (Gnosis) zu begeben.


Diese Tugend der höheren Sinnsuche - und nicht das Hinnehmen eines auferlegten Sinnes! - nahmen alle Geheimgesellschaften, Logen, Bruderschaften und Zirkel in ihre Systeme auf, wenn sie bis zum heutigen Tag ihre Gefährten veranlassen, wie wandelnde Fragezeichen durch geheiligte Hallen zu schreiten. Wer diese Empfehlung beherzigt, wird sich von einem Sinnsuchenden in einen Sinnfindenden verwandeln, dem Offenbarungen mehr als genug zuteil werden. Der Philosoph Franz Xaver B. von Baader veränderte im 18. Jahrhundert das Cogito ergo sum zu Cogitor ergo sum, ich werde (Anm: vom Absoluten) gedacht, also bin ich und veränderte die Formel in eine erfüllte Krönung aller Gedanken, die als Weisheit den Sieg davonträgt. Gedanken sind dem Menschen von Gott gegeben, damit er sich durch kluges Abwägen, Entscheiden, Absondern und Hinwenden vor dem Zugriff Luzifers retten kann und sein persönliches Denken zu überpersönlicher Weisheit wandelt. Das folgende Zitat erfasst das Thema von Denken, Wissen und Weisheit in aller Kürze.

 

Summa scientia nihil scire

Summe allen Wissens ist

nichts zu wissen.

 

Bruder Christian Rosenkreuz,

Ritter vom goldenen Stein.

 

Die Chymische Hochzeit

des Christian Rosenkreuz, 7. Tag

 

Unterzeichnet ist dieses rosenkreuzerische Manifest mit Bruder Christian Rosenkreuz, Ritter vom goldenen Stein. Diese Aussage formuliert also ein Initiierter, der den Ritterschlag einer hohen Einweihungsstufe empfangen hat. Hier zu unterstellen, er habe frühzeitig aufgehört zu denken, muss zwingend ein Gelächter hervorbringen.

 

Selbsternannter Erleuchteter oder geweihter Illuminat?

 

Wie bereits anklang, schmücken Autoren des New-Age ihre Aussagen häufig mit dem Begriff Erleuchtung; sie behaupten sogar manchmal von sich selbst, erleuchtet zu sein und/oder wollen die Leser in diesen Zustand bringen. Von alters her gab es die Verheißung auf eine Bewusstseinsstufe, welche über die gewöhnliche Seinsform eines Erdenbürgers hinausragt. Einem Menschen, der sein Wesen durch eine Kette von stets subtiler werdenden Initiationen der Ewigkeit geweiht hatte, verleiht man noch heute den Titel Illuminat. Diese erhabene Art der Erleuchtung folgte aber ganz anderen Kriterien, als ein bisschen Frieden mit sich und der Welt im Herzen zur Schau zu tragen. Leider ist nämlich das illuminiert sein - und vor allem bleiben! - viel komplizierter und leistungsintensiver, als dies im seichten Lebenshilfe-Fahrwasser bekannt ist. Auf einen Nenner gebracht sieht das so aus: Der New-Age-Probant hält sein friedlich eingestelltes Gemüt schon für die Anwesenheit Gottes in seiner inkarnierten Seele. Hintergrundlos spricht er davon, inspiriert oder initiiert zu sein, weil ihm die eigentliche Dimension echter Initiationen verborgen geblieben ist. Niemals würde er die Verbindlichkeit über Jahrzehnte eingehen, die erforderlich ist, um sich einer Bruderkette anzuschließen. Deshalb kann er auch nicht erfahren, was es bedeutet, wenn ein Weg an einem roten Faden entlang aufwärts in den Äther führt, wie Pythagoras das in seinen Goldenen Versen nannte. Wegen seiner neurotischen Angst, seine Seele an eine überlieferte Idee verkaufen zu müssen, wird der fehlgeleitete Spirituelle sich mit einem Ritter vom goldenen Stein niemals messen können, weiß er doch noch nicht einmal, dass es diesen gibt, geschweige denn, was ihn wirklich kennzeichnet.


Er verwechselt Initiation mit subjektiven Erfahrungen in seinen Exerzitien. Er glaubt, innerer Frieden oder initiatische Unerschütterlichkeit seien Ergebnisse von Entspannung und Genügsamkeit. Hier läuft aber leider eine große Gefahrenquelle über! Wird nämlich der Aufforderung, ganz und gar in der Stille des Augenblicks anzukommen und alle Zukunftsvisionen ebenso aufzugeben wie die Empirie, länger verfolgt, als ein Seminar dauert, zieht dies verheerende Wirkungen nach sich. In derartigen Beschwörungen liegt ein unleugbarer Zwang zum psychischen Niedergang, der von der Unkenntnis religiöser Erfahrungen und geistiger Grenzüberschreitungen herrührt. Im täglichen Leben zu versuchen, Gedankenlosigkeit und Bildfreiheit zu erzeugen, stiehlt dem Menschen die Weiterentwicklung, verhindert das Voranschreiten zu erhabeneren Gedanken und subtileren inneren Bildern. Daraus resultiert jener destruktive Niederdruck, der zu einer ungesunden Stagnation des Lebensflusses führt sowie Antriebsschwächen und andere Missstände nach sich zieht.

 

Lernfaulheit und Wissensverweigerung

verstoßen faktisch gegen den

kosmischen Auftrag der Erhebung

aus dem niederen Staub der Erde.

 

Wer meint, ohne Egoanspruch einfach hier und jetzt stehen bleiben zu können, weil sein innerer Gottesfunken schon wissen werde, wo er hingehen wolle, wenn dereinst das letzte Stündlein dieser Existenz geschlagen hat, weiß nichts von der Eigenschaft des Gottesfunkens. Hasst dieser doch die erdenschwere Gegenwart, in der er zu verkümmern droht, und liebt alle Gedanken an eine himmlische Zukunft, die ihn zur Flamme entfachen wird.


Wer als Mensch weder die Identifikation mit seiner Vergangenheit und deren Erfolge und Misserfolge akzeptiert, noch die Vision einer besseren Zukunft kennt, macht sich zum blinden Handlanger derer, denen das Gestalten im Hinblick auf die Zukunft Autorität verleiht. Dies trifft auch auf den Weg der Apotheose (Gottwerdung, Verherrlichung) zu. Die religiöse Vorstellung einer lichten Zukunft in wiedergewonnener Gottesnähe und der Wunsch nach zukünftiger Ebenbürtigkeit mit dem Allmächtigen bilden einen unerlässlichen Vektor für die Katharsis der menschlichen Seele. An die Leibseele ergeht deshalb der kosmische Auftrag, sich vor dem Sterben von den Schlacken des Erdenlebens befreien zu müssen, damit sich eine Vergeistigung der Seele ereignet.


Das Erlangen wahrer Geistesgröße ist jedoch an einen installierten Kult und seine Liturgie gebunden. Dort gehört es zu den Aufgaben, Anrufungen und Gebete in vorgeschriebener Weise durchzuführen, um das Werk der Seelenerhebung voran zu treiben. Schon Platon formulierte dies sehr deutlich.

 

Magische Macht wird allein durch

die Verehrung der Götter erworben.

 

Platon

 

Wer glaubt, magische Macht sei nur etwas für die suggestive Selbstüberschätzung und damit vermeidbar, der irrt sich gewaltig. Magische Macht bildet die einzige Kraft, die das menschliche Ego aus den Zwängen der materiellen Kräfte erlöst, das wusste Platon, denn er war in ägyptische und hellenestische Mysterien eingeweiht worden. Erforscht man die Hochreligionen, so finden sich dort überall ähnliche Aussagen. Allen voran auch das richtig verstandene Christentum, wo es darum geht, dem Idol, Jesus Christus, in der Liturgie durch den Tod in die Auferstehung nachzufolgen. Denn Konzentration und Hingabe an das funktionale Diesseits reichen für die Erlösung nicht aus, so wertvoll sie für irdische Handlungen auch sein mögen. Es fehlt dabei letztlich die Idee einer anderen Qualität, die im Hier und Jetzt nicht gefunden werden kann, weshalb niemand von Erleuchtung sprechen darf, solange es nur um Aufmerksamkeit in der physischen Realität geht. Der platonische Grundsatz der Wahrheit wandelt sich nicht dadurch zur Unwahrheit, weil er mehr als zweitausend Jahre alt ist.

 

Wenden wir uns in diesem Zusammenhang auch dem modernen Glaubenssatz zu, der die gefährlichste Lebenslüge der Gegenwart zum Ausdruck bringt.

 

Ist alles relativ, auch die Gottesvorstellung?

 

Für heutigen Lifestyle sind Positionen, wie sie von der katholischen Kirche vertreten werden, zu einer ungeheuren Provokation geworden.

Wir haben uns angewöhnt, traditionelle, erprobte Standpunkte und Verhaltensweisen als etwas zu betrachten, was man zugunsten billiger Trends besser brechen sollte. Das Zeitalter des Relativismus jedoch, so glaubt der Papst, neige sich dem Ende zu. Relativismus ist für den Papst „eine Weltanschauung, die nichts als endgültig anerkennt und als letzten Maßstab nur das eigene Ich und seine Wünsche gelten lässt.“

 

Peter Seewald, Licht der Welt, Herder Verlag

 

Was ist relativ? Regen, der für einen trockenen Boden gut ist, muss nicht für einen nassen Boden gut sein und umgekehrt. In diesem materiellen Bild stimmt der Satz, dass das Gutsein des Regens relativ ist, aber dieser Kerngedanke lässt sich nicht zu einem philosophischen Weltbild erheben. Regen selbst ist nicht relativ, er bleibt stets absolut, denn er ist nicht auch ein wenig Sonne, ebenso wie die Sonne niemals Regentropfen ausstrahlt. Genauso wenig darf gefolgert werden, da Gott überall in seiner Schöpfung sei, bliebe es auch gleichgültig, wo und wie ich ihm begegne. Wäre dies richtig, so hätten heilige Messen und mystische Rituale ihren althergebrachten Sinn tatsächlich verloren. Nur leider wird das Abschaffen tradierter religiöser Zelebration häufig von denen befürwortet, die sich selbst als spirituell bezeichnen. Da Spiritualität eigentlich Geistigkeit bedeutet, ist dies ein Paradoxon, das eine große Gefahr mit sich bringt.


Wie ein gnostischer Sarkiger kultlos zu leben, wirft den Menschen derart auf seine eigene Kleinheit zurück, dass seine verkörperte Seele in den Erdboden hineinwächst wie eine Mohrrübe. Es ist viel bedeutender, als Psychikos die Seele zu läutern und sich als Pneumatiker in den Kosmos aufzuschwingen. Wenn Gott in jedem Kleeblatt schon ausreichend zu finden wäre, hätte sich eine Form von Relativismus eingeschlichen, die sich nicht mehr bereit erklärt, das Endgültige, das Absolute, also das nichtmanifestierte Göttliche, als die höchste Form des Seins anzuerkennen. Gott schließt zwar die Schöpfung in sich ein, aber Er ist wesentlich mehr als seine Schöpfung. Die Gene eines beliebigen Kleeblattes auf irgendeiner Wiese sind gleichsam zu schwach, um unsere Anbetung vor den Altar des Allmächtigen zu befördern. Gewaltige Worte, überlieferte Sinnbilder und Gedanken in ritualisierter Form dürfen hingegen hoffen, gerecht zu sein, also im höheren Sinne richtig. Sie werden von kosmischen Mächten bis an Thron der Herrlichkeit empor getragen. Ohne Krishna, ohne Zarathustra, Mose, Abraham, Elia, Jesus oder Mohammed, also ohne einen berufenen Propheten, der sich hinauf gewagt hat in die Nähe Gottes, fehlt ein verknüpfendes Prinzip zwischen Mensch und Gott.  Zu vermissen ist dann gleichsam das Symbol der Leiter für den Aufstieg oder die alchemistische Allegorie des Purpurmantels, der den Menschen von der Erde erhebt.


Das Ziel des abendländischen Mystikers, speziell des Rosenkreuzers, besteht darin, ein freier Mensch zu werden, der nicht nur auf Vorhandenes in der Welt zu reagieren pflegt, sondern selbstbewusst agiert und erneuernd wie erklärend auf seine Umwelt einwirkt. Im Laufe seines Werdegangs legt er die profane Aura mehr und mehr ab und kleidet sich in immer strahlendere Roben, um dereinst seiner selbst bewusst vor seinen Schöpfer treten zu können. Mit einem Bewusstsein des Relativierens würde er dieses glückliche Ende vollständig verfehlen, er würde fahle Lebensregeln reproduzieren, statt sich durch kosmische Abstimmung in erhabene Gefilde des Seins zu erheben. Das folgende Zitat von Hegel formuliert eine vorausleuchtende Orientierungshilfe auf das Höchste und entzieht dem Niederen den Boden.

 

Gott allein ist die

wahrhafte Übereinstimmung

des Begriffs und der Realität;

alle endlichen Dinge aber haben

eine Unwahrheit an sich.

 

Georg W. F. Hegel (1770-1831)

 

Lebt eine Kultur nur nach dem Leitsatz des Relativen und empfiehlt daher den Verzicht auf das Finden einer für alle Menschen gültigen Göttlichen Wahrheit, so kreiert sie den Atheismus - das ist eine Leugnung der Existenz Gottes. Atheisten behaupten: Was ich nicht sehen kann, das gibt es auch nicht. Von Seiten einer nicht existierenden Gottheit bedarf es auch keiner Gebote. An Stelle von Geboten, von heiligen Seinslehren, handelt der Atheist einfach nach den moralischen Gesetzen, die eine dichtbevölkerte Erde im Bezug auf Mitmenschlichkeit und Frieden aus sich selbst hervorbringt. Der Atheist glaubt Religion durch Ethik ersetzen zu können, wobei Ethik nur einen kleinen Aspekt des Religiösen ausmacht und ohnehin von Kultur zu Kultur verschieden aufgefasst wird. Ergänzend zu Ethik und Moral kommt der kategorische Imperativ von Immanuel Kant auf den Plan. Der sich auf ihn berufende Humanismus setzt die menschliche Vernunft an die Stelle der Gottheit und deren Gebote: Handle nur nach demjenigen Leitspruch, durch den du zugleich wollen kannst, dass er ein allgemeines Gesetz werde. Der Volksmund kürzt dies ab: Füge keinem anderen ein Unrecht zu, worunter du selbst leiden würdest. Nicht ganz unschuldig sind die durchaus vernünftigen Kantschen Thesen an dem momentan vorherrschenden ungesunden Relativismus. Allerdings übersieht man leicht, wie das Absolute über das Moralische hinausragt. Gotteslehre auf Moralvorschriften zu reduzieren, verwirft das Bessere, nämlich die Möglichkeit einer Annäherung an das Absolute. Aus dem Absoluten bezieht aber das Relative überhaupt erst seine Existenz, weshalb das Relative niemals der Weisheit letzter Schluss sein kann.


Das Christentum offenbart diesen Zusammenhang in seinem Ostermysterium. Nach vollzogener Kreuzigung bedarf es der Auferstehung und der Himmelfahrt des Seelenleibes (des Christusgeistes, jüdisch Geistseele genannt), sonst bleibt der Tod ein Tod. Das Kreuz ist ein Symbol für die irdische Existenz, Auferstehung und Himmelfahrt beschreiben das Hinaufgelangen in das Absolute. Schon Platon hat in seiner Ideenlehre verkündet, wie die menschliche Seele aus den Partikeln in die Universalien hinauf steigen muss, will sie ihrer Wahrheit begegnen. Der aufgestiegene Christus hat den platonischen Impuls der kosmischen Ideenlehre etwa vierhundert Jahre später in einen Religionsmythos gekleidet. Die christliche Überzeugung lautet, was an dem Universal namens Menschensohn geschah, geht zyklisch immer wieder auf die Partikel der Christenheit über.


Die Beziehung zwischen dem Relativen (Erdengedanke) und dem Absoluten (Himmelsweisheit) verhält sich wie die Lüge zur Wahrheit, ist wie Maya und Deva, und wird im Sanskrit mit Yoga bezeichnet. Wörtlich bedeutet Yoga Joch oder Verbindung. Dieser Begriff bezieht sich auf die Verbindung zwischen dem Individuum und Gott. Im Lateinischen gibt es ein Wort mit derselben Bedeutung: religio, von religare, sich wiederverbinden (mit Gott). Religion und Yoga bedeuten inhaltlich dasselbe. Die Verbindung mit Gott bleibt damit etwas, das tradierten Regeln folgt, das als Dogma (Lehrsatz) geschrieben steht. Es ist dadurch etwas klar Definiertes. Diese Wiederverbindung - die richtig verstandene Religion - kann nicht verschieden empfunden werden, äußert sich nicht mehr relativ, bringt nicht dies oder das im Leben hervor, sondern erzeugt allein Gottesnähe, und diese ist gleichbedeutend mit der Erlangung von Ewigkeit. Das ist ein Gegenstand absoluter religiöser Wahrheit. Ein Gesetz! So zumindest behauptet es jede Religion. Gott als die allumfassende, absolute Wahrheit (lat. absolutus, ungebunden, losgelöst) vereint alles Relative in sich, ohne selbst an das Relative gebunden zu sein. So verstehen sich auch die beiden folgenden Mantren Jesu, der eine rückbindende d.h. ausschließlich zu Gott hinführende Kraft sein will:

 

Mein Reich ist nicht von dieser Welt.

Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.

 

Ein Denkmodell der Superlative ist der kabbalistische Lebensbaum, denn er bringt die Vorstellung des Seins in eine unumstößliche Ordnung. Die drei Schleier des Absoluten (Ain, Ain Soph, Ain Soph Aur) oberhalb des Baumes sprechen davon, dass sie alles, was aus ihnen hervorströmt, bereits latent in sich einschließen. Es offenbart sich in dieser unverkörperten Göttlichkeit die absolute Wahrheit des Allmächtigen, da alles ununterschieden miteinander in der Einheit lebt. Falsch wird jedoch der Anspruch, das Absolute schließe alles Relative aus und würde es bekämpfen. Das Absolute wird vielmehr als das Allumfassende begriffen, das auch das Relative in sich einschließt. Absolute Wahrheit hat demnach Raum für das Relative, aber das Relative schließt absolute Wahrheit aus. Lenken wir unseren Blick noch intensiver auf den Lebensbaum, so werden wir gewahr, wie sehr Binah nicht Chokmah ist und Geburah nicht Chesed. Diese Kräfte sind miteinander verbunden wie der Einatem- und der Ausatemstrom und wie die rote und die grüne Ampel am Zebrastreifen, aber sie bezwecken etwas gänzlich Verschiedenes. Erst wenn sie als Prinzip übersättigt sind, gelangen sie an ihren Umschlagpunkt, entwickeln einen dritten Aspekt, der zwar Gemeinsamkeit zu denken erlaubt, aber dennoch Stillstand erzeugt, wie die Atempause.


Genauso verführt ein Weltbild, das hauptsächlich  relativiert, zu Stillstand und Entscheidungsschwäche. Allein das Bekenntnis, das wieder Hinschwingen in einen absolut definierten Pol, ermöglicht kraftvolles Handeln und beschert neue Erfahrungen. Nicht ein bisschen Geburah und ein bisschen Chesed als Gemisch entsprechen der Wahrheit, sondern ganz Geburah und ganz Chesed, deutlich unterschieden voneinander und in die Balance gebracht, das ist die Vollheit der Wahrheit. Ein großes Lügengebäude hingegen ist das relative Denken, das spirituelle Irrlehrer verkünden, indem sie ihre Jünger an das Kreuz einer anspruchslosen Gegenwart nageln. Wer auf Erden versucht, Schwarz und Weiß, Tag und Nacht, Lärm und Stille, Krieg und Frieden in ihrer Unterschiedenheit aufzulösen ist nicht erleuchtet, sondern feige, dumm und phlegmatisch. Der tradierte Ausspruch Alles, was ist, ist gut, meint ja doch nicht, Schwarz sei auch ein wenig Weiß, Tag sei auch ein wenig Nacht, Lärm sei auch Stille oder Krieg sei auch Frieden. Gemäß des oben gewählten Ausspruchs mit beiden Polen im Reinen zu stehen bedeutet, die Antagonisten getrennt voneinander zu erfassen und sie gleichwertig als Urbausteine des Seins in ihrer spezifischen Eigenart aushalten zu können.


Im Dogma des kabbalistischen Lebensbaumes werden die Farben der vier schmutzigen Elemente auf Malkuth - rost, indigo, ocker, oliv – als Ausdruck des Relativen gewählt. Das Relative wird in der Kabbalah gleichgesetzt mit Unsauberkeit. Die Vermischung aller Prinzipien wird demnach als unsauber bezeichnet und hat nichts zu tun mit der klaren Einheit von Kether. Die Elemente zu reinigen bedeutet für den Mystiker, seinen Blick in die Klarheit reiner Schöpfungsbausteine zu erheben und alle unreinen Vermischungen durch das Erdenleben auf der Bewusstseinsebene zurückzunehmen. Diese Notwendigkeit des Separierens irdischer Vermischungen entspricht der motorischen Kraft der Unterscheidung, wie sie in der smaragdenen Tafel seit Jahrhunderten niedergelegt wird.


Möge das Dogma des Hermes einen wahren Suchenden davor schützen, den charakterschwächenden Fangstricken des Relativierens zu erliegen. Möge er seinen Geist in die purpurne Robe des Absoluten kleiden und das Subtile vom Festen scheiden mit großem Verstand.

 

Wahr ist es, ohne Lügen, gewiss

und auf das Allerwahrhaftigste.

Dasjenige, welches Unten ist,

ist gleich demjenigen, welches Oben ist:

Und dasjenige, welches Oben ist,

ist gleich demjenigen, welches Unten ist,

um zu vollbringen die Wunderwerke eines einzigen Dinges.

Und gleich wie von dem

einigen GOTT erschaffen sind alle Dinge,

in der Ausdenkung eines einigen Dinges.

Also sind von diesem einigen Dinge geboren alle Dinge,

in der Nachahmung.

Dieses Dinges Vater ist die Sonne,

dieses Dinges Mutter ist der Mond.

Der Wind hat es in seinem Bauche getragen.

Dieses Dinges Säugamme ist die Erde.

Allhier bei diesem einigen Dinge ist der Vater

aller Vollkommenheit der ganzen Welt.

Desselben Dinges Kraft ist ganz beisammen,

wenn es in der Erde verkehret worden.

Die Erde musst du scheiden vom Feuer,

das Subtile vom Dicken, lieblicher Weise,

mit einem großen Verstand.

Es steiget von der Erden gen Himmel,

und wiederum herunter zur Erden, und empfängt die Kraft der

oberen und der unteren Dinge.

Also wirst du haben die Herrlichkeit der ganzen Welt.

Derohalben wird von dir weichen aller Unverstand.

Dieses einige Ding ist von aller Stärke die stärkste Stärke,

weil es alle Subtilitäten überwinden

und alle Festigkeiten durchdringen wird.

Auf diese Weise ist die Welt erschaffen.

Daher werden wunderliche Nachahmungen sein,

die Art und Weise derselben ist hierin beschrieben.

Und also bin ich genannt Hermes Trismegistos,

der ich besitze die drei Teile der Weisheit der ganzen Welt.

Was ich gesagt habe von dem Werk der Sonne,

daran fehlet nichts. Es ist ganz vollkommen.

 

Tabula Smaragdina Hermetis

 

Gabriele Quinque

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                       

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

to Top of Page